Aufsatz 
Zu Sophokles Antigone / von G. Thudichum
Entstehung
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ſter zürnt ſie, wird aber zuletzt gerührt und tröſtet ſie mit einem abermals ihr Herz erſchließenden Wort (V. 555. 556):Getroſt, du lebeſt, aber meine Seel' iſt längſt Geſtorben und der Geſtorbenen Hülfe zuge⸗ wandt. Was Schneidewin in der erſten und noch in der dritten Auflage mißverſteht, wenn er ſagt: Du lebſt(und kannſt getroſt leben, da du noch den Lebenden nützen kannſt), mein Leben aber iſt bei den Todten(ſeit Kreons Todesſpruch erfolgt iſt), ſo daß ich nur noch für dieſe Nutzen ſtiften kann. Wo iſt da daslängſt hingekommen? Nein ſie gehört ſchon lange nicht mehr dem Leben an, der Krieg hat ſie auch der Brüder beraubt, noch ehe ſie gefallen ſind, denn welcher von ihnen ſiegte, ſo war's ein trauriger Ausgang. Den Hämon liebt ſie ſo viel, als ein ſolch leidendes, vom Leben abgekehrtes Herz, wenigſtens jetzt, ehe ſie das Leben wieder ganz liebgewonnen hat, und eine ſolche Heldenſchweſter lieben kann; deſto begeiſterter iſt die Liebe des Hämon. Haßt ſie den Kreon? Wenn es auch wäre, ſo würde auch ſo noch das Urtheil ungerecht ſein, ſie haſſe ſo ſehr als ſie liebe. Wo aber ſpricht ſie Haß, ja nur Zorn gegen Kreon aus nach ihrer Verurtheilung? Ihre letzte Rede iſt zart und ſanft rührend. Ihr Schlußwort, bemerke man wohl, iſt das prophetiſche Wort eines Sterbenden, nicht ein Fluch, wie ihn Eurydike im Sterben ausſpricht, nicht eine Wuth, wie Hämon vor dem Tode gegen den Vater kehrt; ſie ſpricht V. 914 f.:Doch wenn es ſo denn recht iſt bei den Unſterblichen, Will ich vergeben, was ich litt für meine Schuld; Sind aber Dieſe ſchuldig, ſo mög' Härtres nicht Sie treffen, als ſie ungerecht an mir gethan. Gewöhnlich wird erklärt, ſo will ich bekennen, daß ich gefehlt habe. Weder dieſe oder noch die andere Ueberſetzung hat etwas mit der Unterwelt zu thun, wie Hermann von der Strafe daſelbſt, Böckh von dem Eingeſtändniß, Schneidewin von der Verzeihung verſteht; Böckh:wenn ich meine Strafe er⸗ litten, wenn der Tod die Hülle von der Wahrheit weggenommen hat. Sie ſagt Nichts, als daß ſie, wenn es ſo die Götter für recht halten, verzeihen wolle, was ſie erlitten, weil ſie alsdann gefehlt habe, alſo daß ſie ohne Groll aus dem Leben gehen wolle. In dem Schluß liegt nicht, wie Schneidewin meint, der bittere Sinn nicht mehr als ich leide, weil Höheres undenkbar iſt, ſondern eine mildernde Umſchreibung in dem prophe⸗ tiſchen Hinweis deſſen, was ſich ſogleich erfüllen wird.

Ich hoffe nicht, daß man die vorſtehende Erörterung für überflüſſig oder auch nur für allzu aus⸗ führlich halten wird, wenn man bemerken will, daß eine ganze Anzahl von Stellen des Gedichtes bei ver⸗ änderter Grundanſicht anders erſcheinen, und dieſer Stellen werden ſich bei Erwägung des Einzelnen noch mehrere darbieten. Zu zeigen, wie Unnachgiebigkeit großes Leid bringen könne, ſcheint mir gar keine poetiſche Aufgabe zu ſein. Dieſe ſcheinbar moraliſche Auffaſſung; ich ſage ſcheinbar, denn ſittlich iſt alle Poeſie, weil ſie ſchön iſt nnd eine höhere Wirklichkeit darſtellt, und Böckh hat S. 261 Goethe mißverſtanden, wenn er ihm die ausgeſprochene Ueberzeugung zuſchreibt,daß die Dichtung mit der Sittlichkeit nicht in Berührung ſei; aber das Sittliche iſt nicht der Zweck; dieſe ſcheinbar moraliſche Auffaſſung gab ſeiner Zeit Anlaß, daß Manche das Stück für einen Polizeifall hielten, Andere als ſeine Quinteſſenz erkannten, daß man der Obrigkeit gehorchen müſſe. Allein Kreon ſteht durchaus nicht parallel mit Antigone; ſie iſt die fromme Schweſter, und Schweſterliebe ſteht im Alterthum höher als das Eheband; davon hat auch das Alte Teſtament Spuren, es zeigens die ſerbiſchen Volkslieder, Tacitus ſagt von den alten GermanenSchweſterſöhne ſtehen bei dem Oheim gleich hoch wie bei dem Vater; Manche halten dieſes Band des Blutes für noch heiliger und enger. Für die fromme Pflicht, denn als Schweſter muß ſie den Bruder begraben, ſtirbt Antigone den Märtyrertod. Sie kann ihm nicht entgehen, wiewohl ſie weder in Irrthum noch in leidenſchaftlicher Verblendung handelt, weil der Inhaber der weltlichen Gewalt, der ihr die Pflichterfüllung gewehrt hat, in dem unglücklichen Irrthum befangen iſt, ſowohl ſein Verbot ſei gerecht und politiſch, als auch das Wohl des Staates erfordere die Vollziehung der härteſten Strafe. Sein Unglück bildet die Genugthuung für das unverdient geſchlachtete Opfer. Selbſt ihr Tod iſt heroiſch, nicht eine Folge der Verzweiflung. Sie muß ſich, noch ehe ſie durch das Vermauern der Gruft dem grau⸗ ſigen Dunkel überliefert wurde, die Gelegenheit erſehen haben, und auf Rettung kann ſie nicht hoffen, da ſie ſich ganz verlaſſen glaubt; den elenden, ſcheußlichen Hungertod aber will ſie nicht erleiden. Man berufe ſich nicht auf die Schlußworte der Tragödie, wenn die Schuld der Leidenſchaft, der Unbeſonnenheit u. ſ. w. zwiſchen beiden getheilt werden ſoll, denn ſie gehen nur auf den Kreon. Ueberhaupt enthält in keinem der ſieben Stücke des Sophokles der Schluß eine vollſtändige Zuſa mmenfaſſung des Hauptgedankens,