Aufsatz 
Zu Sophokles Antigone / von G. Thudichum
Entstehung
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Beſtattung des Todten gemeldet wird, ſcheint es ihm ſogar möglich, daß Götterhand im Spiele ſei. V. 278. 279. Herr, ob ich nicht auch gottgewirkt erachten ſoll Die That, berathet lange mein Gedanke ſchon. Er muß alſo glauben, daß das Gebot dem Willen der Götter zuwiderlaufe. Wenn ſodann Antigone dem Kreon kühn begegnet, ſo braucht der Chor dieß nicht zu loben, denn es hat mit Recht oder Unrecht ihrer Handlung Nichts gemein; zu ihren Gunſten aber macht er ihre Abkunft geltend, das ungeſtüme, hef⸗ tige Blut des Oedipus, das ſie geerbt hat, und das ein vernünftiger Mann und König berückſichtigen ſollte. In dem folgenden Chorlied iſt Nichts von Tadel über Antigone's That, ſondern nur Bedauern über ihre Rede, und das Dämoniſche ihres Sinnes, denn nach einer naheliegenden Empfindung meint er, ſie hätte ihren Untergang abwenden können. In der Scene mit Hämon räth er zur Schonung, und warnt vor Gefahr. Da hierauf Antigone fortgeführt werden ſoll, hält er ihren Klagen die Uebertre⸗ tung des Gebotes, oder eigentlich wieder nur ihre Kühnheit vor; und er hat Recht; denn wenn ſie die That wagte, mußte ſie auch auf die Folgen gefaßt ſein; und ſie war es auch. Man wird empfinden, daß in dieſer Erwägung ein Troſt liegt, und ſie erhöht die Großheit der That. Aber nachdem endlich der Prophet das Urtheil des Himmels verkündet hat, legt der Chor alle Furcht und Befangenheit ab, treibt den König an, ſeine Uebelthat gut zu machen, ehe ihn die Rache der Götter erreiche, bedauert den Un⸗ glücklichen, daß er nur zu ſpät das Recht geſehn, und ſchließt mit der ernſten Lehre, daß, wer die Ehr⸗ furcht vor den Göttern vergißt, durch Schaden belehrt, im Alter, alſo zu ſpät, Weisheit lernen wird. Und dieſe Anerkennung ſpricht auch Kreon ſelber aus; denn nicht nur gibt er, durch Teireſias Dro⸗ hungen in Furcht geſetzt, nach, nicht nur klagt er ſich der Schuld am Tode der Seinen, eines unglück⸗ ſeligen Beſchluſſes an, was für ſich noch nicht nothwendig auf das erſte Gebot gehen muß, ſondern er geſteht ausdrücklich ein, daß er ſich am hergebrachten Rechte verſündigt hat. V. 1097. 1098.Denn mir iſt bange, daß am hergebrachten Recht Das Beſte ſei zu halten all das Leben lang. Indeſſen ſind alle dieſe Perſonen in die Handlung verflochten, und der Dichter läßt ſie nach ihrer Stimmung und ihrem Intereſſe reden. Er kann ſelbſt den Kreon mehr zugeben laſſen, als ihm wirklich zur Laſt fällt. Aber der Seher iſt beſtimmt, den Irrthum zu löſen, und er thut es nicht mit ſeinem perſönlichen Urtheil; die Götter ſelbſt haben durch ihn geſprochen. Sie zürnen über die verweigerte Beſtattung, ihre Altäre werden verunreinigt von den Thieren, die an dem todten Leib gezehrt haben, und Kreons ſcheinbar aufgeklärte Rede, daß ein Menſch die Götter nicht verunreinigen könne, verfängt nicht; ſie ſind auch eben ſo aufge⸗ bracht über die Verurtheilung Antigone's; und die Religion iſt doppelt beleidigt, denn es iſt eben ſo gottlos, einen Lebenden zu begraben, als einen Todten unbeſtattet zu laſſen.

Ich habe nun noch das Verhalten der beiden Hauptperſonen zu der Streitfrage zu beleuchten, will aber erſt noch einige Worte über Hämon uund Eurydike einſchalten. Dem Erſteren ſchreibt Böckh wie den Uebrigen die Leidenſchaftlichkeit zu, gegen welche die Tragödie gerichtet ſein ſoll. Nur Eurydike ſterbe rein ſchuldlos. S. 173:Sie hat freilich auch die Faſſung des Gemüthes verloren, aber ihr macht das Zartgefühl des Dichters keinen Vorwurf. Dieß lautet ſo, als habe Sophokles die Königin lebend vor ſich, und erweiſe ihr ſchonende Rückſicht. Aber ſind ihre Flüche vor dem Tod nicht eine viel gröbere Heftigkeit, als ſelbſt der vermeintliche Angriff Hämons auf ſeinen Vater, oder was irgend Antigone gegen Kreon ausſpricht? Zu dieſen beiden kehren wir nunmehr zurück, um mit ihnen unſere Beurtheilung zu ſchließen. Wenn, wie bewieſen, die Beſtattung des Polyneikes nach des Dichters Urtheil eine reli⸗ giöſe Pflicht war, ſo lag ſie dem König vornehmlich ob, wie er ſie als Anverwandter und Regent nach Recht und Herkommen(V. 23) an Eteokles erfüllt hat. Statt deſſen geräth er auf den unglücklichen Gedanken, an ſeinem und der Stadt Gegner ein Exempel zu ſtatuiren. Was er dafür in der erſten Rede ſagt, iſt an ſich verſtändig, wenn es auch weder neue noch tiefe Weisheit enthält. Sein herriſches Weſen zeigt ſich jedoch ſchon in der kahlen Anrede: Männer. Schneidewin, der meiſtens richtig und unbefangen urtheilt, erkennt ſchon in dieſer Rede den Anflug von falſchem Pathos, das ſich in der Scene mit dem Wächter ſteigert, und ihn ſelbſt im Zorne nicht verläßt; das verſtändig ſteife, kalte und doch jähzornige Weſen eines ſolchen Charakters, in welchem das Herz nirgends zum Wort kommt, iſt unvergleichlich ge⸗ zeichnet. Ohne irgend zu unterſuchen, bildet er ſich ein Gewebe von mißtrauiſchen Vermuthungen, bedroht die unſchuldigen Wächter mit dem Tode, kurz es fehlt ihm, dem Regenten, alle Ruhe und Umſicht, wie

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