Aufsatz 
Zu Sophokles Antigone / von G. Thudichum
Entstehung
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wird er von allen Perſonen anerkannt. Der von Teireſias geſprochene V. 1058 ſagt aus, daß Kreon durch Teireſias die Stadt gerettet habe und nun beſitze. Die Behauptung von Schneidewin aber, daß Sophokles den Eteokles und Polyneikes hier als kinderlos annehme, iſt unrichtig, weil ſie unnöthig und, wie ich oben gezeigt habe, künſtleriſch widerſprechend iſt. Was hat Sophokles für eine Urſache, von der ſchon bei Homer feſtſtehenden Mythe des Epigonenkriegs abzuweichen, er, der ſelbſt Epigonen gedichtet hat? Kreon iſt Regent, denn Eteokles Sohn Laodamas iſt ein Kind. Er herrſcht, wie er am Ende des erſten Oedipus, ſogar während der König lebt, an ſeine Stelle tritt, und wie er im zweiten Oedipus als Oberherr von Theben erſcheint, bis die Neffen die Regierung übernehmen. Gilt er aber dem Dichter als ein unumſchränkter Monarch, in welchem alſo geſetzgebende und richterliche Gewalt ohne Theilnahme Anderer verbunden iſt, und der auch in Privatrechte eingreifen kann? Eine ſolche Vor⸗ ſtellung verbanden die Griechen wohl mit dem Begriff eines aſiatiſchen Königs; aber bei Homer iſt weder Priamos noch Alkinoos ein ſolcher Sultan, und auch bei Sophokles iſt dergleichen nicht nachzu⸗ weiſen. Selbſt wo der König Oedipus V. 604 dem Kreon den Tod droht, iſt das Stellen vor Gericht nicht ausgeſchloſſen, wenn auch die Zornrede dieß nicht ausſpricht. Wie ſollte auch ein Athener einen König des griechiſchen Alterthums ſo auffaſſen, wenn ſelbſt der Tyrann Peiſiſtratos einſt die ſoloniſche Verfaſſung beſtehen ließ? Es hätte denn geſchehen müſſen, um die unbeſchränkte Gewalt als ein Uebel zu zeigen. Und in dieſem Sinne enthält auch die griechiſche Mythologie Züge genug von orientaliſchen an Kindern und An⸗ gehörigen ausgeübten Königslaunen. In unſerem Drama geſteht es ihm Antigone V. 48 nicht zu:Er darf mir nicht verwehren, was mein eigen iſt. Sodann braucht der Chor V. 155 f. republikaniſche, alſo hier conſtitutionelle Ausdrücke von ſeinem Verhältniß zu Kreon. Er nennt ſich mit dem attiſchen amtlichen Ausdruck, der von einer außerordentlichen Volksverſammlung gebräuchlich iſt, zu einer Beſprechung berufen. Nachher freilich, durch das herriſche Benehmen des Kreon eingeſchüchtert, iſt er ganz Unterwürfigkeit. Sein Sohn, bei dem übrigens Schwenck S. 160 mit Unrecht vorauszuſetzen ſcheint, als brauche er die kindliche Pflicht, die Sorge um des Vaters Ruf zum Vorwand; und der auch nicht mit Jacob S. 14 für unentſchieden zum Handeln gelten kann, denn er erbricht nachher entſchloſſen den Kerker; ſein Sohn ſpricht entſchiedener mit ihm. Er erklärt es für jugendliche, unverſtändige Rede, wenn Kreon V. 734 zornig fragt: So ſoll die Stadt uns ſagen, was ich ordnen ſoll? Und ſo heißt es weiter: Mir oder Andern ſoll ich Herr im Lande ſein? Die Eines Mannes eigen iſt, iſt keine Stadt. Wird deſſen, der gebietet, nicht die Stadt geſchätzt? In einer Wüſte wärſt du ganz der Herr allein. Kreon ſelbſt verficht auch in der ſchon angeführten Stelle im erſten Oedipus gegen den aufgebrachten, aber ſtets edelherzigen und gutem Rathe zugänglichen Oedipus eine andere und richtigere Anſicht. V. 605 f.: Oed. Mit Ungehor⸗ ſam redeſt du und Widerſtand? Kr. Nicht wohl berathen ſeh' ich dich. Oed. Ich bin's für mich. Kr. Auch mir gebührt das Gleiche. Oed. Du verdienſt es nicht. Kr. Doch wenn du irreſt? Oed. Den⸗ noch muß Regierung ſein. Kr. Mit nichten, wo man ſchlimm regiert. Oed. O Stadt, o Stadt! Kr. Auch mir iſt Antheil an der Stadt, nicht dir allein. Euripides kann natürlich nichts für Sophokles beweiſen; doch ſind von Intereſſe zwei Fragmente aus ſeiner Antigone, Fr. 5 gegen einen Herrſcher: Der ſeines Gleichen, er allein, gebieten will; welchem weiter zu Gemüth geführt wird Fr. 3: Der Herrſcher ſoll der Menge zu Gefallen ſein. Worauf er Fr. 4 für die Einheit des Willens im Staate redet.

Aber angenommen, Sophokles habe ſeinen Kreon mit einer unbegränzten Macht ausgerüſtet, ſo daß ſein Gebot ein Staatsgeſetz iſt, ſo bleibt weiter zu fragen, ob das Gebot rechtmäßig war. Wir wollen einmal gelten laſſen, es ſei rechtlich herkömmlich oder geſetzlich, nicht blos eine zuweilen vorkom⸗ mende willkührliche Schärfung, Verräther, Tempelräuber und andere große Frevler unbegraben zu laſſen, wie ja auch die chriſtliche Juſtiz hingerichtete Verbrecher unter den Galgen begrub, oder ſie gar am Gal⸗ gen von den Raben freſſen ließ, und Selbſtmörder noch immer von frommer Unduldſamkeit an beſonderen Orten verſcharrt werden; ſo fragen wir: iſt Polyneikes ein Verräther? Der Chor nennt ſein Recht ein beſtrittenes oder ſtreitiges, V. 111. Aber genau betrachtet, iſt er, wie der zweite Oedipus zeigt, und unſer Stück nicht widerſpricht, der rechtmäßige König, den ſein Bruder mit Hülfe einer Mehrheit vertrieben hat. Entſcheidet nun die Mehrheit, ſo müßte ſich Kreon erſt von ihr beſtätigen laſſen, was er nicht ge⸗ than hat; entſcheidet die Geburt, worauf er ſich wirklich V. 174Nach Stammverwandtſchaftsnähe zu den