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Indeſſen ſind es nicht blos einzelne Sentenzen, ſondern die ganze Abſicht der Dichtung iſt es, welche nach der hier beſprochenen Meinung die demokratiſchen Athener entzückte. Dieſe ganze Grundanſicht muß ich noch beſprechen, nicht wegen der Strategie, denn die halte ich für ganz unabhängig davon, ſondern wegen des Verſtändniſſes der Dichtung im Ganzen und Einzelnen, wie ich gleich Anfangs bemerkt habe. Nun heißt es:„Die Idee der Antigone(Schw. 144, Bckh. 161) liegt in der Veranſchaulichung ſchweren Leides, welches, hervorgerufen durch den Confliet zweier an ſich ſittlichen, aber mit ſtarrer Unnachgiebig⸗ keit verfolgten Ideen der Religion und Pietät, und des Gehorſams gegen die Gebote der weltlichen Macht, beide Theile trifft. Sie iſt daher ſehr geeignet, ernſt an das Maß zu mahnen, welches uns Menſchen in allen Dingen ziemt, und zu lehren, wie ſchrecklich dem zu enden beſtimmt ſein kann, wer unnach⸗ giebig in leidenſchaftlicher Aufregung mit Trotz den von ihm für Recht erkannten Weg verſolgt, unbeküm⸗ mert um die, deren Weg der ſeinige hemmend und ſtörend durchkreuzt. Noch zur Stunde findet ein ana⸗ loger Conflict in allen chriſtlichen Reichen ſtatt, wo überall der religiöſe Serupel mit dem Staatsgeſetz in Zwieſpalt gerathen kann u. ſ. w.“ Ich habe hiegegen Mehreres einzuwenden. Eine Colliſion der Pflichten, inſoferne dieß eine Gleichheit derſelben einſchließen ſollte, gibt es nicht. Von zwei an mich ergehenden An⸗ forderungen iſt eine die höhere, und ihr muß ich folgen, ohne zu fragen, was daraus entſtehe, wie So⸗ krates that, um eines noch erhabeneren Beiſpiels zu geſchweigen. Die Religionspflicht iſt nun höher als die Bürgerpflicht, und ſie muß derſelben vorgezogen werden. Dafür haben Millionen gelitten und geblutet, und ohne ihren Opfertod wäre keine Wahrheit in die Welt gekommen. Selbſt der bloſe religiöſe Serupel iſt im Rechte gegen das bürgerliche Geſetz, inſoferne dieſes ſein Gewiſſen beſchwert. Irrt er, ſo muß er nur als ein Thor, nicht als ein Verbrecher behandelt werden. Wenn aber die beſtehende Religion ſelbſt nicht durch ein vorhandenes Geſetz, ſondern durch ein willkürliches Gebot verletzt wird, was bleibt da demjenigen übrig, dem die Religion befiehlt und die Staatsgewalt verbietet? Die Antwort ſcheint zu ſein, er ſolle ſeine Idee nicht mit ſtarrer Unnachgiebigkeit verfolgen. Das kann ihm die Klugheit gebieten, viel⸗ leicht ſelbſt die Weisheit verſtatten. Machen wir die Anwendung auf Antigone. Schwenck ſagt: „Hätte ſie, ſtatt zu handeln, erſt den König um Erbarmen für den todten Bruder angefleht, und unerhört von ihm die heilige Pflicht erfüllt, dann aber ohne Stolz und Trotz ruhig hingenommen, was über ſie verhängt ward, ſo würde Kreon unſerem Mitleid ferner, Antigone noch näher ſtehen, aber freilich nicht mehr Antigone mit dem Anflug der Heldenhaftigkeit und der Thatkraft ſein.“ Es hätte das ein viel weniger gutes Gedicht gegeben, denn die Poeſie muß die innere Bewegung des Seelenlebens, die thätigen, nicht die bewältigten Leidenſchaften darſtellen, das Ringen nach dem Höchſten, nicht das erreichte Höchſte, wenn ſie intereſſiren, ein Bild des Lebens, ja wenn ſie im wahren Sinn belehrend, reinigend und erhebend ſein ſoll. Heldenhaft und thatkräftig hätte aber Antigone auch ſo noch ſein können, wenn es nur mög⸗ lich geweſen wäre, im Fall ihr Kreon die Bitte abſchlug, alsdann noch den Todten zu begraben. So etwas zu hoffen, war undenkbar; ein einziger Wächter würde ſie gehindert, bei Widerſtand Kreon ſie gefangen geſetzt haben. So bleibt nur der ſogenannte Stolz und Trotz als Tadel übrig, und ſie mußte ſich durch unterwürſiges Bitten zu retten ſuchen. Das wäre niedrig geweſen. Oder ſie mußte ihr Geſchick ſtill hinnehmen. Das war aber unpoetiſch, oder einſeitig, empörend, weil es den Kreon widerwärtig machte. Allein Schwenck ſcheint ihre That ſelbſt für unrecht zu halten, und dann hat ſie ſchon urſprünglich ge⸗ fehlt, und mit der Strafe iſt ihr recht geſchehen. Er ſagt:„ein Gebot, welches kein willkührliches war, weil heilige Sitte dem entarteten Sohne, welcher mit frevleriſcher Hand das Vaterland zu verwüſten kam, die Wohlthat des Grabes nicht zuſprach.“ Hier ſind Widerſprüche, und ich muß weiter ausholen, um ſie zu löſen, das heißt um zu zeigen, was der Dichter gewollt hat.
Und zwar iſt zu unterſuchen, ob ein Staatsgeſetz vorliegt, zweitens ob dieſes Geſetz rechtmäßig, ſodann ob es gerecht und vernünftig iſt, weiter, ob ihm ein Religionsgebot(denn die Familienpietät kommt gegen die höchſte Pietät, die Bürgerpflicht, nicht in Betracht) entgegenſteht; und ſchließlich, wie ſich die beiden Hauptperſonen dazu verhalten. Iſt Kreon rechtmäßiger Oberherr von Theben? Ohne Zweifel. Antigone nennt ihn zwar V. 8, vielleicht mit einer Art von Abneigung, vielleicht weil er noch nicht als König eingeführt iſt, Feldherr, aber der Chor bezeichnet ihn V. 155 als neuen König des Landes; als ſolcher tritt er dann vor dieſem auf, und gründet ſeine Würde auf die Verwandſchaftsnähe; und darin


