Aufsatz 
Zu Sophokles Antigone / von G. Thudichum
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

liaſt zu des Komikers Ariſtophanes Frieden braucht dieſelben Ausdrücke über die ſamiſche Strategie wie der Grammatiker, und fügt dann eine Sage oder eine von ihm ſelbſt herrührende Vermuthung über die vermeintliche Habſucht des Sophokles bei. Der Feldzug ſteht alſo feſt, nicht aber, daß die Antigone die Urſache geweſen. Vielleicht hängt es ſo zuſammen, daß wirklich das Stück um jene Zeit des Krieges mit Samos gegeben, und aus der Zeitangabe der Didaskalien die Annahme eines urſachlichen Zuſammen⸗ hangs geſchöpft wurde. Denſelben nun vorausgeſetzt, ſoll nicht das dichteriſche Verdienſt des Schauſpiels die Athener bewogen haben, den Verfaſſer wie geſchehen auszuzeichnen, dieß wäre, glaubt man(Böckh. 121), ſogar läͤcherlich geweſen. Man habe mit Recht auf die Lehren aufmerkſam gemacht, welche Kreon über die Pflichten des Staatsmanns und die der Bürger im Verhältniß zu dem Herrſchenden aufſtellt. Doch verſtand Sophokles ſeine Zuhörer zu gut, um Kreon's Verlangen des Gehorſams nicht zu mildern; ſehr wohl hat er das Tyranniſche in der Perſon des Alleinherrſchers hervorzuheben gewußt, und in den Reden des Hämon ein demokratiſches Gegengewicht gegeben; ſchon der eine Vers deſſelben: Der Staat, der Einem eigen, nicht mehr iſt er Staat(hier iſt das Mehr unrichtig eingeſchoben, und es heißt blos: Die Eines Mannes eigen iſt, iſt keine Stadt), mußte ein unauslöſchliches Bravo hervorrufen, und auch die übrige Umgebung jener Stelle iſt auf denſelben Eindruck berechnet. Allerdings ſind dieß unterge⸗ ordnete, faſt möchte man verführt ſein zu ſagen Euripideiſche Schönheiten; doch ſind ſie in dieſem Stücke keine leere und für das Ganze unpaſſende Gemeinſprüche, wenn ſie gleich mit für den Beifall ge⸗ ſchrieben ſind. Ich habe die ganze Stelle hergeſchrieben, weil wohl dem Dichter noch nie größeres Unrecht geſchehen iſt, als in dieſen wenigen Worten. Um der Zuhörer willen, um ein Bravo, für den Beifall habe er geſchrieben, Schönheiten nach Euripides Art eingeflochten. Lautet das nicht, als habe er es darauf abgeſehen, Feldherr zu werden? Und doch ſollen ihm ſeine Grundſätze über Herren und Unterthanen dieſe Würde verſchafft haben. Entweder gehörten nun die gedachten Schön⸗ heiten zu ſeinen Grundſätzen, und dann hat er ſie nicht der Zuſchauer wegen angebracht, oder ſie gehörten nicht dazu, und dann durfte er nicht damit den Beifall der Athener ſuchen, denn das wäre nicht lächerlich, ſondern verächtlich geweſen. Allein wir gehen davon ab. Weder hier, noch im Punkt der Verliebtheit bleibt etwas an dem erhabenen Dichter hangen. S. 125 nämlich leſen wir:denn da er unläugbar in ſeinem Alter wie in der Jugend der Liebe ſehr unterthan war, mögen ihm die Damen nicht wenig gekoſtet, die Söhne aber zugleich ſeine Kargheit empfunden haben. Die Erzählung von dem Prozeß der Söhne gegen den hochbejahrten Vater hat Welcker(Gr. Trag. 1, 252 f.) mit großer Wahrſcheinlichkeit und mit genialem Ahnungsvermögen auf eine poetiſche Fietion zurückgeführt. Von der Liebe aber gibt uns Pla⸗ ton(Resp. I. p. 329 c.) das berühmte Zeugniß, das obenſtehenden Vorwurf abweist; als ihn nämlich Einer in ſeinem Alter fragte, ob er noch der Liebe zu pflegen geſchickt ſei, antwortete er: Schweige, Mann. Ich bin froh, dem entflohen zu ſein, als wär' ich einem wüthenden und grauſamen Herrn entflohen.

Was haben aber politiſche Grundſätze über Herren und Unterthanen viel mit der Befähigung zur Heerführung zu ſchaffen? Ein Feldherr muß den Krieg verſtehen. Von Lehren dieſer Art iſt nicht viel in der Tragödie. Das erſte Chorlied ſchildert in kühnen Bildern Angriff und Abwehr, und Kreon bemerkt ſpäter, was wohl jedermann weiß, daß ein Heer verloren iſt, wenn es nicht gehorcht. Der Erfolg zeigte auch, daß er ſich zu der empfangenen Würde wenig eignete, wenn ſein Zeitgenoſſe Jon treu berichtet und ſein Bericht treu überliefert iſt, und er ſcherzte, wie es billig war(denn wer hatte die Athener geheißen ihn zu wählen ²) über ſeines Collegen Perikles Vorwurf, daß er kein Stratege ſei. Hat er aber in dem Feldzug, wie es ſcheint, als Unterhändler gute Dienſte gethan, ſo mußten ihn ſeine Mitbürger und die grie⸗ chiſche Welt auch ohne ein einzelnes Theaterſtück, denn die Antigone war ſein zweiunddreißigſtes, als einen großen ideal geſinnten Dichter, als einen weiſen und beſonnenen, billigen und parteiloſen, unab⸗ hängigen und patriotiſchen Mann kennen, ſo daß einige den theatraliſchen Perſonen in den Mund gelegte Grundſätze nicht von Gewicht waren. Sollte die Antigone wirklich mitgewirkt haben, ſo konnte ſie höch⸗ ſtens den Anſtoß geben, den Dichter einmal mit einem wichtigen Amte zu ehren, auch auf die Gefahr hin, daß es nicht für ihn paſſe. Und er ſcheint es mit Humor angenommen zu haben, auch ohne beſondere Gefahr, wenn ihrer doch zehen, und ein Perikles unter ihnen war, mit Humor, wie einſt Blücher die Doctorwürde von Oxford annahm.