7 Entſtehung und Bedeutung des Zedichts.
Nach Böckh's Vermuthung wäre die Fabel der Antigone aus einem kykliſchen Epos genommen; Welcker(Aeſch. Tril. S. 366), und nach ihm Schneidewin, iſt der Anſicht, daß Aeſchylos in ſeinen Sieben die Anregung gegeben habe. Das Erſtere dürfte wahrſcheinlicher ſein, ungeachtet daß keine ältere Erwähnung als bei Aeſchylos vorliegt; ja der Grammatiker Ariſtophanes gedenkt ſelbſt ihrer nicht, ſondern erwähnt nur die Bearbeitung des Euripides mit einigen wenigen Worten, welche, früher ſtets mißverſtanden, durch Welcker(Gr. Trag. 2, 563) endlich ihre Löſung gefunden haben. Dieſe Frage nach der Urſprünglichkeit der Erfindung, wäre, wenn ſie zu beantworten ſtünde, allerdings anziehend, ohne jedoch gerade wichtig zu ſein, da es an ſich Nichts über das Verdienſt des Dichters entſcheidet, wie viel oder wie wenig Stoffliches er beim Aufbau ſeines Gedichtes entlehnt hat. Allein wenn er ſich in allen übrigen Stücken an die gangbaren Mythen, als das allgemeine Nationaleigenthum, anſchließt, die er, wie insbeſondere, als ein treuer Nachfolger Homers, die homeriſchen, nur in Nebenzügen für ſeinen Zweck hier und dort umbildet, ſodaß auch ſein zweiter Oedipus auf wenigſtens einheimiſcher Sage ruht; ſo ſind wir berechtigt, ein Aehnliches auch für die Antigone vorauszuſetzen, und es iſt dieſes von Wichtigkeit der Anſicht Schneidewin's gegenüber, wenn er S. 4 nnachdrücklich vor der Verkehrtheit warnt, aus der feſt umgränzten Welt beſonderer Dramen Verhältniſſe und Charaktere auf andere in verſchiedener Zeit(von demſelben Sophokles) gedichtete Dramen deſſelben Sagenkreiſes zu übertragen.“ Das mag an ſich ein guter Grundſatz ſein, und auch in ſo weit auf Sophokles anwendbar, als er vielleicht, da er die Antigone dichtete, noch nicht daran dachte, ob er einmal, und wie, einen Oedipus abfaſſen werde. Läßt ſich aber, ſelbſt bei einer ſolchen Vorausſetzung, die nicht ſo nahe liegt, wenn wir bedenken wollen, wie z. B. Goethe ſich viele Jahre mit dramatiſchen Stoffen getragen hat, läßt ſich annehmen, daß Sophokles beim Abfaſſen der Antigone nicht zugleich die Geſchicke der Labdakiden in einem beſtimmten Zuſammenhang durchdacht und bei ſich feſtgeſtellt habe; wenn Dieſes aber geſchehen, daß er nachher davon abgewichen ſei? Indeſſen, gleichgültig, ob annehmbar oder nicht, in den drei thebiſchen Stücken ſind keine Widerſprüche. Oedipus, muß nicht in der Antigone, wie Schneidewin be⸗ hauptet, im Widerſpruch mit dem erſten und zweiten Oedipus, als ſogleich nach der Entdeckung geſtorben gedacht werden; Antigone kann nach dem Inhalt von König Oedipus an der Beſtattung ihrer Mutter geholfen, und dann doch ihren Vater begleitet haben; das Verbleiben des letzteren in Theben, und wieder dann ſeine Vertreibung ſtreitet mit keiner Stelle der drei ſachlich zuſammengehörigen Dramen. Eben ſo bleibt ſich der Charakter der Perſonen in ihnen gleich, indem derſelbe mit künſtleriſcher Nothwendigkeit ſo⸗ gleich in der erſten Anſchauung des Dichters eine feſte Geſtalt angenommen hat: Kreon iſt überall der kalte kluge Politiker, Oedipus die heißblütige edle Natur, Antigone die hochſinnige Liebe, Ismene die ſanfte Zärtlichkeit. Wenn daher auch der erſte Oedipus, was möglich und zuzugeben iſt, ſpäter als die Antigone gedichtet wurde, wie der zweite ſicher in der Ausführung viel jünger iſt, ſo harmoniren ſie gleichwohl, und der Dichter hatte nicht nöthig, Ungleichheiten zu verdecken.
Daß Sophokles einmal Feldherr geweſen ſei, bezeugen mehrere gelegentliche Nachrichten, und man ſoll einen ſo anziehenden Umſtand nicht aus übertriebener Zweifelſucht als Erdichtung ablehnen. Das Zeugniß des gelehrten Ariſtophanes, der ſich noch im Beſitz der ganzen Literatur befand, ſagt vielleicht noch mehr, als man darin zu finden pflegt, Dieſes nämlich, daß er die Strategie des Dichters für ausge⸗ macht annahm, oder ſie geſchichtlich beglaubigt wußte, und daß die Worte„Man ſagt“ nur auf die Ver⸗ anlaſſung gehen:„Man ſagt, Sophokles ſei zu der Feldherrnſtelle in Samos erkoren worden, nachdem er die Antigone mit Beifall aufgeführt hatte“, das heißt: irgend Jemand, oder Mehrere, nämlich Schrift⸗ ſteller vor Ariſtophanes, haben vermuthet, oder ohne ſicheren Nachweis behauptet, daß zu ſeinem be⸗ kannten ſamiſchen Feldherrnamt die Antigone Anlaß gegeben. Dieſe Erklärung fordert ſchon der gebrauchte beſtimmte Artikel und auch andere Zeugniſſe, ſo wie die Umſtände ſelber, ſprechen für Samos. Der Scho⸗


