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in einem vollkommenen Kunſtwerk, wie wir es hier vor uns haben; und wenn doch ein allgemeiner Grund⸗ gedanke aus dem Einzelnen zu ziehen iſt, ſo muß umgekehrt auch dieſes in ſeiner Auffaſſung oft von jenem abhängig ſein, wie der Verlauf dieſer Unterſuchung zur Genüge zeigen wird. Selbſt bis auf die Bühne wirkte eine irrthümliche Anſicht, da man Antigone ſich ungeſtüm geberden, in ihrer letzten Scene von den Schergen fortgezerrt ſehen konnte, und das polternde Wüthen des Kreon nicht nur mit der idealen Würde des Gedichts, ſondern auch mit dem Weſen dieſes Charakters im Widerſpruch war. Ich kann daher nicht umgehen, die Meinung des Dichters, gleichſam ſeine Aufgabe, innerhalb meiner Anſicht, die allerdings unterdeſſen von Vielen getheilt wird, mit Beſtreitung der entgegenſtehenden, auszuführen, in allem Weſent⸗ lichen mit dem übereinſtimmend, was, zum Theil einzeln und gelegentlich und ohne Gegenſtellung des Fremden, zu der erſten und zu der zweiten Ausgabe meiner Ueberſetzung beigebracht iſt. Nach dieſem wird das Einzelne der Worterklärung folgen. Dieſer Weg hat ſeine Bedenklichkeiten, denn in die vorgängige Ueberſicht muß man die einzelnen Stellen hereinziehen, während ſie ſpäter doch noch einmal einer kritiſchen und grammatiſchen Behandlung bedürfen; will man aber umgekehrt, nach Art eines fortlaufenden Com⸗ mentars, dem Gang des Stückes folgend ſich der Zuſammenſtellung enthalten, ſo würde dieſes zwar me⸗ thodiſch heißen dürfen, vielen Leſern aber, die man mit im Auge hat, ermüdend ſein, indeſſen ſie uns gedul⸗ diger folgen, ſobald ſie erfahren haben, was unſer Ziel iſt.
Es iſt oben ſchon bemerkt worden, daß in Bezug auf die Idee des Stücks und die Würdigung der Charaktere vornehmlich die Schriften von Schwenck und Böckh für uns in Betracht kommen. Was Schöll darüber ſagt, kann ich nicht einzeln verfolgen. So viel nur ſei darüber bemerkt, daß ſeine Voraus⸗ ſetzung von abſichtlichen und durchgehenden politiſchen Beziehungen in der Antigone nicht nur, ſondern auch in den beiden Oedipus, nach meiner Meinung eine poetiſche und eine moraliſche Unmöglichkeit in ſich ſchließt. Es ſtreitet nämlich gegen das Weſen des dichteriſchen Schaffens in der Tragödie, die Anlage eines Gedichts für einen politiſchen, alſo einen Nebenzweck zu machen, oder auch nur an einzelnen Stellen Seitenblicke nach Perſonen und Zeitumſtänden zu thun, und Parteiabſichten zu verfolgen. Sittlich unmög⸗ lich aber iſt es, daß Sophokles, welcher des Perikles Politik mißbilligt, und ſein Beharren dabei für eine Verſündigung gehalten haben ſoll, als der erhabene Mann an der Leiche ſeines Sohnes geweint hatte, als ſeine Kraft und Geſundheit gebrochen war, in dem ſchuldigen und troſtloſen Kreon der Anti⸗ gone den Athenern ein Spiegelbild ihres edlen und hochherzigen Führers habe vorhalten wollen. Wäre es ſo, dann geſchah ihm ſein Recht, daß er mit ſeinem Oedipus einem ſchlechten Dichter nachſtand. Herr Schöll bringt nämlich dieſes Ereigniß mit den von ihm fingirten Umſtänden in Verbindung, und folgert aus der geſchichtlichen oder mythiſchen Uebereinſtimmung zwiſchen den drei thebiſchen Stücken, die er mit Recht geltend macht, eine Trilogie Oedipus, deren Exiſtenz damit nicht bewieſen iſt.
Ich muß noch etwas über metriſche Ueberſetzungen ſagen, die zum Behuf und bei Gelegenheit der Erklärung eines Dichters gemacht werden. Man wird ſie beſſer proſaiſch abfaſſen, wo dem Ueberſetzenden das Versmaß keinen Zwang auflegt. Beide Thätigkeiten, die des Auslegens und die des Uebertragens, erweiſen ſich als verſchieden, und man kann nicht hin und her aus der einen in die andere übergehen; jene iſt receptiv, dieſe productiv; jene geht aus dem Einzelnen ins Ganze, dieſe aus dem Ganzen ins Ein⸗ zelne; denn nur die Geſammtanſchauung, ſelbſt eines einzelnen Gedankens, befähigt uns, ihn dichteriſch wiederzugeben. Daher iſt es ein Irrthum, zu glauben, durch einzelne muſiviſche Beiträge könne von Vielen allmälig die wahre Ueberſetzung hergeſtellt werden. Daher tragen ſolche Verſuche, auch die über das Ganze gehen, nicht ſelten einen proſaiſchen, oder ſelbſt einen komiſchen Ton an ſich, und zeigen Mängel entweder in dem Maß oder in dem Ausdruck, oder in beiden, die dem nur auf den Wortſinn aufmerkſamen Ueberſetzer entgehen. Schöll indeſſen ſcheint in ſeinen Trimetern die Regeln der Proſodik und der Metrik mit Abſicht hintangeſetzt zu haben, da in hundert Fällen die Länge am unrechten Orte ſteht, und von Cäſur und Gliederung wenig bemerkt wird. Schwunghaft und geiſtreich dagegen iſt ſeine Proſa, und ſie hätte er dem Dichter widmen ſollen.


