2u Sophoahles Antigont.
Die lebhaftere Theilnahme, welche die Antigone in Deutſchland gefunden, ſeitdem ſie auf die Bühne gekommen war, iſt zwar längſt in die ſo zu ſagen natürlichen Grenzen zurückgekehrt, und irgend eine Wir⸗ kung auf den Geſchmack der Geſammtheit in Sachen des Schauſpiels hat ſich wohl nicht kund gegeben, will man nicht hierher rechnen, daß bei den jüngſt gefertigten Preisdramen einige über antike Gegenſtände mit unterliefen und ſelbſt preiswürdig gefunden wurden. Gleichwohl iſt dieſe Anregung nicht als verloren zu betrachten; denn nicht nur daß die Werke des unvergleichlichen Dichters von da an unter den gebildeten Laien mehr geleſen werden, es ſahen ſich vornehmlich auch die Sachkundigen mehrfach aufgefordert, das Gedicht mit erhöhtem Eifer ſowohl gemeinverſtändlich als in gelehrter Weiſe einer neuen Prüfung und Be⸗ arbeitung zu unterwerfen. Indeſſen iſt der Gegenſtand weder in Haupt⸗ noch in Nebenfragen bis jetzt erledigt, kann es auch ſeiner Natur nach und bei ſtets verſchiedenen Arten der Anſchauung niemals werden; allein die Auslegung rückt doch dem Wahren immer näher, und ſo kann es Jemanden, der ſich in dieſem Gebiete längere Zeit mit Kunſtübung, Nachdenken und Unterſuchung bewegt hat, nicht verargt werden, wenn er darüber noch einmal in einigem Zuſammenhang ſeine Meinung abzugeben ſich anſchickt. Ich habe bei der Unterſuchung fremde den Gegenſtand betreffende Arbeiten berückſichtigt, ſoweit ſolche ſich mir zur Verglei⸗ chung darboten, halte mich jedoch an einige wenige, wie ſie entweder wichtig oder charakteriſtiſch für eine gewiſſe Auffaſſung ſind, und mein Ziel iſt weſentlich, die Würdigung der Charaktere und Antriebe in der Tragödie feſtzuſtellen, und den Text gegen Aenderungen und das Ausſtoßen vermeintlicher Interpolationen zu ſchützen. In jeuer Hinſicht waren zwei wichtige Werke, Böckhs Ausgabe mit einer Ueberſetzung und Schwencks gehaltvolles Schriftchen über die ſieben Tragödien des Sophokles in Betracht zu ziehen; in letzterer waren ſelbſtverſtändlich die bedeutendſten Ausgaben, von Hermann bis zu dem leider ſo früh geſchiedenen Schneidewin, zu vergleichen, und bin ich insbeſondere auf die Anſtände eingegangen, welche Jacob gegen eine Anzahl von Verſen erhebt, wobei ich denn auch Schölls Erklärung mit einer ange⸗ hängten Verdeutſchung berückſichtigen mußte, doch bei weitem nicht über alle die 170 von ihm ausgeſtoße⸗ nen Verſe. Auf die lautbar gewordenen Verſuche, an den Sophokles den Probierſtein der neualten Orthodoxie anzulegen, bin ich nicht willens mich einzulaſſen.
Nun könnte man über die Auffaſſung des Ganzen etwa denken, daß es ziemlich gleichgültig ſei, ob wir dieſe oder jene Idee darin finden, zumal ein geniales Gedicht wie ein Naturerzeugniß allezeit vielerlei zu denken gibt, wenn uns dieſes Ganze nur erbaut, wenn es als wahr, ſchön und edel, oder ſelbſt groß und erhaben ſich darſtellt, und eine erregende Verwicklung und lebenvolle Mannigfaltigkeit Talent und Meiſterſchaft des Dichters beurkunden; insbeſondere für den, der ſich auf den Standpunkt der Griechen ver⸗ ſetzen will, bei denen die mythiſchen Perſonen eine Art von hiſtoriſcher Wirklichkeit haben, nicht, wie es uns erſcheint, auch ſtofflich erfunden ſind, ſodaß denn auch ein Dichter nicht um dieſe oder jene Idee zu verkörpern, was ohnehin kaum zuläſſig ſein wird, eine Figur der alten Sage heraushob, ſondern die gegebene in ſeinem eigenen Lichte ſah, und beides, Charakter und Handlung, im ſchöpferiſchen Acte der Erfindung nach allgemeinen Umriſſen alsbald übereinſtimmend geſtaltete. Allein es gehört Alles zuſammen
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