Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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Muſen,die Frühlingsfeier,MMein Vaterland,Pſalm ſind auch dem Verſtändniß eines Real⸗ ſchul⸗Secundaners recht wohl nahe zu bringen. Vom ethiſch⸗nationalen Standpunkt aus iſt nament⸗ lich den Uhland'ſchen Dichtungen, einſchließlich ſeiner mit Unrecht allzuſehr hintangeſetzten Dramen, ein hervorragender Platz in unſerer Schullecture einzuräumen, da ſie durch ihre ſittliche Hoheit, ihre edle, würdevolle Ruhe und ihren kerndeutſchen Gehalt dem ſinnigen deutſchen Gemüthsleben, das wir doch in den Herzen unſerer Jugend ja recht ſorgſam hegen wollen, eine geſunde Nahrung bieten. Auch ſollten zumal in jetziger Zeit die friſchen und von hoher ſittlicher Kraft getragenen Lieder unſerer Freiheitsſänger in den Schulbüchern häufiger vertreten ſein, umſomehr als die friſche und feurige Begeiſterung der beiden hervorragendſten, Arndt und Körner, dem jugendlichen Geiſte ganz beſonders zuſagt. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß in neueren Sammlungen dieſer Art einige der vorzüglichſten Erzeugniſſe der reichen Lyrik, welche der letzte Krieg hat entſtehen laſſen, zugleich mit Aufnahme finden müſſen; denn einerſeits zeigt dieſer Krieg dem Herzen des Vaterlandsfreundes

die Vollendung deſſen, was die Väter begannen, andererſeits gibt es unter dieſen Geſängen einige

von hoher Schönheit, ſo daß ſie auch aus dieſem Grunde dem Herzen und dem Gedächtniß der Jugend, eingeprägt zu werden verdienen; außerdem haben dieſe Dichtungen neueſten Datums den nicht gering anzuſchlagenden Vorzug, daß ſie von dem Odem der Gegenwart durchweht des unmittel⸗ baren Verſtändniſſes ſicher ſind.

Daß unſere ältere Literatur, und zwar durch unmittelbare Anſchauung der Originale Aufnahme in den Kreis der Realſchulbildung finde, ſcheint bei der ſcharfen Betonung der nationalen Seite der Bildung ein ſehr gerechtfertigtes Verlangen zu ſein. Das hauptſächlichſte Hinderniß iſt bisher immer der Mangel an Zeit geweſen, weil die Beſchränkung der Lecture unſerer neueren Dichter durch ein immerhin nur mangelhaftes Eindringen in die alt⸗ und mittelhochdeutſche Literatur nicht zu rechtfertigen wäre. Das andere Hinderniß, daß es an der ſchulgerechten Bearbeitung der ein⸗

zelnen Zweige der deutſchen Philologie fehlte, iſt zum größten Theil beſeitigt, namentlich ſeit Pfeiffer

durch ſeine trefflichen Schulausgaben mittelhochdeutſcher klaſſiſcher Dichtungen dieſe dem allgemeinen Verſtändniß zugänglicher gemacht hat.

So iſt alſo für die Erfüllung der ethiſchen und nationalen Aufgabe, die der deutſche Unter⸗ richt hat, ſein höchſtes Ziel eine möglichſt gründliche Kenntniß unſerer Literatur, freudige Hingebung und Begeiſterung für unſere großen Dichter. Die Schule ſoll, inſoweit es unter den beſtehenden Verhältniſſen möglich iſt, ihre Zöglinge ſo in unſeren Klaſſikern befeſtigen, wie ſeiner Zeit Göthe*) und ſeine Straßburger Genoſſen Shaſpeare⸗feſt zu werden ſich bemühten. Sie ſollen zu unſeren Dichterheroen mit jener andächtigen Verehrung hinaufblicken, wie jene zu Homer und dem großen

*) Ein freudiges Bekennen, daß etwas Höheres über mir ſchwebe, war anſteckend für meine Freunde, die ſich alle dieſer Sinnesart hingaben. Wir lengneten die Möglichkeit nicht, ſolche Verdienſte näher zu erkennen, ſie zu be⸗ greifen, mit Einſicht zu beurtheilen; aber dies behielten wir uns für ſpätere Epochen vor: gegenwärtig wollten wir nur freudig theilnehmen, lebendig nachbilden und, bei ſo großem Genuß, an dem Manne, der ihn uns gab, nicht forſchen und mäkeln, vielmehr that es uns wohl, ihn unbedingt zu verehren.(Göthe, Aus meinem Leben. B. 11.)

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