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bewußt zu werden, ſo ſoll auch die kleine Welt des Leſebuchs das Herz der Jugend anziehen„wie ein heimathlicher Garten, der ſie von Schönheit zu Schönheit führt, in dem ſie auch wohl eine Zeit lang irre gehen können, um ſich an einer erhabenen Stelle bald wieder zurecht zu finden.“ Das Leſebuch hat alſo vor allen Dingen auch durch ſeinen Inhalt zu wirken, der dem Schüler Stoff für die Hauptthätigkeiten des Geiſtes, Verſtand, Phantaſie und Gemüth, darbieten und ihn damit zugleich an richtigen und angemeſſenen Ausdruck gewöhnen ſoll.
Nichts wirkt auf das menſchliche Herz und namentlich auf das Herz der Jugend ſo mächtig als ſittliche Größe im Bunde mit der Schönheit.„Schönheit iſt das Weltgeheimniß,“ ſie muß auch das oberſte Ziel des Unterichts ſein. Iſt im Drange der auf die Nütliichkeit gerichteten Arbeit in der Mehrzahl der Unterrichtsſtunden eine Pflege des Schönen ausgeſchloſſen, ſo möge ihm wenigſtens im Leſebuch für einige Stunden in der Woche eine Heimſtätte bereitet ſein. Daß durch eine erhöhte Pflege des Schönen die ethiſche, auf Arbeit, Entſagung und ſtrenge Pflichterfüllung gerichtete Erzie⸗ hung Gefahr laufe, iſt bei unſeren Lebensverhältniſſen und unſerer Unterrichtsorgani ſation nicht zu fürchten; eher das Gegentheil.„Denn zu hart und unerbittlich,“ ſagt Kreyßig in dem Aufſatz über äſthetiſche Nationalerziehung,„tritt die Macht des Realen unſerem ſchwer kämpfenden und arbeitenden Geſchlecht entgegen.“ Bei der Ruheloſigkeit und Härte, die durch den heißen Kampf ums Daſein vielfach in das Leben der Gegenwart gebracht worden iſt, hat die Erziehung die Aufgabe, das edle, harmoniſche Maß wieder herzuſtellen, das die Grundlage der Schönheit wie der Sittlichkeit bildet. Die Erweckung und Ausbildung des äſthetiſchen Gefühls, d. h. der Fähigkeit das Schöne zu genießen, gehört mit zu den ſchwierigſten Aufgaben des Erziehers; ein Zuviel darin kann leicht Alles verderben. Das Wichtigſte iſt, daß der Lehrer ſelbſt mit dem Gemüth dabei ſei. Wie überhaupt ohne echtes, menſchliches Wohlwollen, ohne Gemüth die Wirkung des Erziehers keine fruchtbare ſein kann, ſo iſt das namentlich bei der äſthetiſchen Erziehung der Fall. Das rechte Verfahren iſt von Niemand treffender und feiner gekennzeichnet worden als von Wackernagel an der oben angeführten Stelle ſeiner mehrerwähnten Schrift. Zur Bekämpfung des in der Jugend liegenden Hangs zu unklarer Gefühlsſchwärmerei iſt vor allen anderen Dingen darauf hinzuwirken, daß das Leſen der Dichter, welches ja doch den Unterricht zum größeren Theil ausfüllt, eine Geiſtesgymnaſtik bleibe; denn nur geiſtige Arbeit darf die Bedingung des Genuſſes ſein. Daher iſt, namentlich auf den höheren Stufen der Schulbildung, auf das Leſen ſolcher Literaturerzeugniſſe Bedacht zu nehmen, welche dem Verſtändniß nicht allzu nahe liegen und mithin beſonders zu jener geiſtigen Arbeit auf⸗ fordern. Aus den hauptſächlichſten Werken Göthes, Schillers, Leſſings, Herders und Klopſtocks hat ſich in den bekannteren Chreſtomathien ſchon ſo ziemlich ein eiſerner Beſtand klaſſiſcher Werke ange⸗ ſammelt. Es ſollten aber noch mehr, als es zu geſchehen pflegt, Herders gedankenreiche proſaiſche Schriften und Klopſtocks Oden Berückſichtigung finden, da die erſteren zur Erweiterung des Ideen⸗ kreiſes, die letzteren zu eindringlichem Nachdenken hinzuführen geeignet ſind. Beide Schriftſteller ſind zugleich für die ethiſche, der letztere beſonders auch für die nationale Bildung der Jugend von weittragendſter Bedeutung, und Oden wie„Heinrich der Vogler,“„dem Erlöſer,“„die beiden


