Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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thümlichkeit, Kraft und friſches Leben verleihen. Sprechende Beiſpiele dafür ſind Männer, welche wie Grimm, Wackernagel, V. Scheffel ſich dauernd und eindrigend mit den Originalſchriften aller Perioden unſerer Literatur beſchäftigt und daraus friſche, dem volksthümlichen Boden entquellende Lebenskraft geſogen haben.

Mit Kückſicht auf die der Verantwortlichkeit faſt ganz entrückte Freiheit des deutſchen Lehrers, deſſen Takt ſo vieles allein überlaſſen bleibt, nennt Wackernagel das Amt deſſelben ein königliches, ein hoheprieſterliches.Er iſt nur dem Volke verantwortlich. Denn wer kann prüfen, wie viel Sinn für Poeſie, wie viel Freude an reiner Schönheit, wie viel Begeiſterung für ihr Volk er in ſeinen Schülern geweckt. Welche goldene Regel für das Verhalten des deutſchen Lehrers bei dem Leſen unſerer Dichter enthalten namentlich folgende Worte:Und wenn er ſeine Schüler ſchont, wenn er darüber wacht, daß nicht der reflectirende Verſtand die Liebe tödte, wenn er nicht fordert, daß der Schüler ſeine Gefühle ausdrücke, ſondern ſie im Herzen eine wärmende, treibende Kraft ſein läßt, die über dem Höchſten brütet, ſo kann dies noch weniger abgefragt werden.

Die Einführnng in die Geiſtesſchätze unſerer Literatur wird auf zweifachem Wege bewirkt, auf der unteren und mittleren Stufe durch das Leſebuch, auf der höheren durch das Leſen der voll⸗ ſtändigen Schriftwerke ſelbſt, wobei das Leſebuch nicht ausgeſchloſſen zu ſein braucht, jedoch eine dieſer Stufe entſprechende andere Einrichtung haben wird.

Was die Tendenz des Leſebuchs anlangt, ſo muß es vor allen anderen Dingen, wie der ganze deutſche Unterricht, dem es als Grundlage dient, von chriſtlichem und nationalem Geiſte durchweht ſein. Es iſt daher ein höchſt glücklicher Gedanke von Wackernagel geweſen, daß er in dem dritten Theil ſeines Leſebuchs in Proſa und Poeſie faſt ausſchließlich die Freiheitskriege berückſichtigt hat; ſie haben mit ihrer großen ſittlichen Erhebung für uns dieſelbe Bedeutung einer geiſtigen Wieder⸗ geburt wie für den Griechen die Perſerkriege, und ſie ſind außerdem bereits in eine genügende Ferne gerückt, um ihre hervortretenden Heldengeſtalten mit dem poetiſchen Schimmer der Vergangenheit umkleidet zu zeigen. Das Leſebuch darf auch, namentlich auf den unteren Stufen, keinen Unterſchied zeigen zwiſchen Volk und Gebildeten; es würde ſonſt auf viele ſeiner koſtbarſten Perlen verzichten müſſen und mit der Auswahl der Jugend gegenüber in Verlegenheit kommen. Die wunderbare Poeſie der Märchen und die tiefe Weisheit der Sprüchwörter bezeugt zur Genüge, daß es dem Volk im Gegenſatz zu den Gebildeten gewiß an Biddung nicht fehlt.

Wie nun die Anſchauungsweiſe und das Gemüthsleben des Volkes dem geiſtigen Leben des Kindes am nächſten ſteht, in welchem Phantaſie und Unmittelbarkeit der Empfindungen vorwalten, ſo müſſen auch die Erzeugniſſe der Volksphantaſie, die Märchen und Sagen, die erſte Nahrung des kindlichen Geiſtes ſein. Die einfache Aneinanderreihung der Thatſachen ohne künſtlich geſuchte Aus⸗ ſchmückungen, Schilderungen und Betrachtungen, der einfache, leicht verſtändliche Ton mit der kurzen natürlichen Ausdrucksweiſe ſind ſo recht dem kindlichen Geiſte angepaßt. Die im Märchen herrſchende Verſinnlichung alles Geiſtigen im Menſchen und im Weltleben und die perſönliche Geſtaltung der todten und lebenden Natur erzeugen jenes poetiſche Halbdunkel zwiſchen Wahrheit und Dichtung,