Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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einer fruchtbringenden Privatlecture zu theilen haben. Von einer ſolchen populären Einführung in das Leben und die Kunſt der Griechen durch das Mittel guter Ueberſetzungen iſt ein unſchätzbarer Vortheil für das rechte Verſtändniß von Hermann und Dorothea, des Nibelungenliedes, des klaſſiſchen neueren Dramas, von Leſſings Laokoon und Dramaturgie, ſowie vieler äſthetiſch⸗philoſophiſcher Schriften der neueren Literatur zu erwarten. Eine weſentliche Förderung können dieſe Beſtrebungen durch ein Mittel erhalten, auf welches ich ſchon bei der Beſprechung der Geſchichte und der Vaterlandskunde hingewieſen habe; es iſt das Anſchauen von Werken der Kunſt, welche zu den geleſenen Dichtungen in Beziehung ſtehen. Homer und die Tragiker mit ihren bald übermenſchlich erhabenen Götter⸗ und Heroengeſtalten bald menſchlich rührenden Erſcheinungen werden ſich nur demjenigen vollſtändig er⸗ ſchließen, welcher ſich mit dem Geiſt der griechiſchen Kunſt durch ſinnige Betrachtung ihrer edelſten Erzeugniſſe durchdrungen hat. Das iſt von Winckelmann, Göthe und Schlegel oft und eindringlich genug gepredigt worden, aber wie viele Anſtalten gibt es ſelbſt jetzt noch, an denen man auf dieſes unvergleichliche, vielen Bildungszwecken zugleich dienende Hülfsmittel zur Belebung des Unterrichts verzichtet, weil man es nicht zu würdigen weiß. Für die Realſchule iſt gerade dieſe Seite des antiken Lebens die ihrem Weſen nach verwandteſte und zugänglichſte. In der bildenden Kunſt zeigt ſich der durch Ideen vergeiſtigte Realismus des Griechenvolks in ſeiner herrlichſten Erſcheinung. Hier hat der Schönheitsſinn dieſes edlen Volkes in Verbindung mit der liebevollſten Hingabe an die Natur Werke geſchaffen, die ihre Geltung als Typen der erhabenſten Gedanken, die der Menſchen⸗ geiſt erzeugt hat, nie und nimmer verlieren können; zugleich hat der griechiſche Genius hier eine Sprache geſprochen, die Jedem auch ohne gelehrte Studien verſtändlich iſt.

Außerdem bietet die Lecture der deutſchen Klaſſiker die vielfachſte Veranlaſſung auf beſonders charakteriſtiſche Aeußerungen und Lebenserſcheinungen des klaſſiſchen Alterthums näher einzugehen. Ich erwähne in dieſer Hinſicht nur Schillers Balladen, namentlich ſeineKraniche des Ibicus mit der anſchaulichen Schilderung der ſchönſten Kulturbilder des griechiſchen Volkslebens, der National⸗ ſpiele und der dramatiſchen Aufführungen; ſeinSpaziergang enthält eine Fülle von Bildern an⸗ tiken Lebens, in denen gerade der rein menſchliche Gehalt deſſelben zu ſo ſchönem Ausdruck kommt. In Göthes Iphigenie, Hermann und Dorothea, ſowie in einem großen Theil ſeiner Lyrik ſteckt mehr von griechiſchem Geiſt als in manchem geprieſenen lateiniſchen Dichter.

Wenn die Realſchule alſo wohl daran thut zur Vertiefung der ethiſchen und äſthetiſchen Bil⸗ dung ihrer Zöglinge das klaſſiſche Alterthum auf die angegebene Weiſe in den Kreis ihrer Bildungs⸗ mittel hineinzuziehen, ſo iſt und bleibt doch das hauptſächlichſte Mittel für jenen Zweck die eindringende Beſchäftigung mit der vaterländiſchen Literatur der älteren wie der neueren Zeit. Dabei iſt die Sorge des Lehrers, wie ſchon oben angedeutet wurde, beſondexs darauf zu richten, daß das Schrift⸗ werk mit ganzer Kraft durch ſich ſelbſt, nicht durch das Medium ſeiner erklärenden Reproduction, auf den Schüler wirke; die Thätigkeit des Lehrers iſt daher nur eine leitende und hier und da aufklärende. Nur durch die unabläſſige lebendige Anſchauung der Schriftwerke ſelbſt iſt jene friſche Anregung und heilſame Einwirkung auf den ſprachlichen Ausdruck zu erzielen, die dem Stile Eigen⸗