—-— 28—
Erreichung der anderen Bildungszwecke, denen die Lecture der Originale dient, wendet die Real⸗ ſchule eben andere Mittel an. Zur Erhebung des Herzens und zur Ausbildung des äſthetiſchen Gefühls bietet, ſo ſollte man meinen, unſere eigene Literatur des Schönen und Herrlichen genug, und es hat noch dazu den großen Vorzug, deutſch zu ſein. Die deutſche Lyrik iſt die reichſte der Erde und ſteht namentlich in Göthe an Umfang des Ideenkreiſes und Tiefe der Empfindung über der des Alterthums; Schöpfungen wie Schillers„Lied von der Glocke“ und„Spaziergang,“ welche neben der höchſten Befriedigung des Schönheitsgefühls zugleich das deutſche Gemüth ſo tief anſprechen und einen ſo weiten kulturgeſchichtlichen Geſichtskreis umſpannen, hat weder eine fremde neuere Literatur noch das klaſſiſche Altertum aufzuweiſen. Daß übrigens eine fruchtbare Erkenntniß des klaſſiſchen Alterthums auf dem indirecten Wege der Ueberſetzungen und freien Nachbildungen nicht außerhalb der Grenzen des Erreichbaren liegt, dafür fehlt es nicht an Beiſpielen. Auch läßt ſich nicht verkennen, daß gute Ueberſetzungen nach den Reſultaten umfaſſender gelehrter Sprachſtudien jedenfalls ein größeres Verſtändniß des Originals involviren, als eine elementare Erlernung der Sprache ſelbſt ſeitens der Schüler gewähren könnte. Daher genügen ſie, wie Bratuſcheck(Progr. der Friedr. Werd. Gewerbſch.) mit Recht bemerkt, um den in der fremden Literatur niedergelegten Er⸗ kenntniß⸗Inhalt kennen zu lernen. Derſelbe geht aber noch weiter und behauptet, daß ſie in Bezug auf Anſchauung der ſtiliſtiſchen Form für die Bedürfniſſe der allgemeinen Bildung vollſtändig ausreichen; die Compoſition der Gedanken, welche die Hauptſache ſei, laſſe ſich gerade am leichteſten übertragen; die Bilder des Originals könne man wiedergeben oder durch gleichwerthige erſetzen; ſelbſt der Rhythmus und die Lautfarbe ſeien in guten deutſchen Ueberſetzungen glücklich nachgeahmt.„Die Feinheiten des Stils,“ fährt er fort,„gehen bei der Ueberſetzung verloren. Um dieſe jedoch in den alten Sprachen herauszufühlen, muß man ſich ganz in dieſelben einleben, was um ſo ſchwieriger iſt, als uns in Bezug auf die lautliche Seite die Feinheiten der Ausſprache, in Bezug auf die me⸗ taphoriſche Wortbedeutung die Feinheiten der Umgangsſprache zum großen Theil unbekannt ſind.“ Will man in der Schätzung der Ueberſetzungen auch nicht ganz ſo weit gehen, ſo dürfte doch das wenigſtens nicht zu bezweifeln ſein, daß durch das Leſen in der Ueberſetzung das Schriftwerk als Ganzes zu intenſiverer Wirkung kommt als bei der durch das grammatiſche Verſtändniß geforderten Zerlegung und Zerſtückèelung. Die Realſchule kann daher aus den vorhandenen zum Theil vortreff⸗ lichen Ueberſetzungen griechiſcher Schriftſteller für die Ergänzung der ethiſchen Bildung ihrer Zöglinge und für die Herbeiführung eines tieferen Verſtändniſſes unſerer eigenen Literatur den beſten Nutzen ziehen. Bei der beſchränkten Zahl der deutſchen Unterrichtsſtunden würden ſie freilich eine ſtehende Klaſſenlecture nicht bilden dürfen, weil ſonſt eine ganz unzuläſſige Beſchränkung in dem Leſen unſerer deutſchen Klaſſiker zu fürchten wäre; aber ein mehrwöchentlicher Kurſus für Homer müßte feſtge⸗ halten werden, um die nothwendige Anleitung und fruchtbare Anregung zu geben. Auf den unteren Stufen iſt dieſen Uebungen vorzuarbeiten, indem die Schüler durch gute Proſabearbeitungen der klaſſiſchen Dichtungen in die ſchöne geſtaltenreiche Sagenwelt des Alterthums eingeführt werden, eine Aufgabe, in welche ſich der Geſchichtsunterricht und der deutſche Unterricht durch Anleitung zu


