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Sind nun die Vorbedingungen für die geiſtige Erfaſſung unſerer Sprach⸗ und Literatur⸗ ſchätze aus der älteren und mittleren Zeit für die Zöglinge des Gymnaſiums und der Realſchule weſentlich dieſelben, ſo ſcheint ſich für die letzteren das Verhältniß zu unſerer neueren Literatur weniger günſtig zu geſtalten. Dieſe trägt gerade in den bedeutendſten Schriftſtellern das Gepräge des antikklaſſiſchen Geiſtes, aus dem ſie hervorgewachſen iſt, in hohem Grade an ſich; allerdings haben auch vielfach andere Einflüſſe auf ihren Entwicklungsgang eingewirkt, namentlich Shakſpeare, Milton, die engliſche und deutſche Volksliederdichtung und zum Theil auch die franzöſiſche Literatur, ſo daß an Stelle eines ausſchließlich vaterländiſchen ein Gebilde von univerſalem Charakter getreten iſt. Wenn es den größten unſerer Dichter in ihren edelſten Schöpfungen gelungen iſt, die fremden Bildungselemente mit dem vaterländiſchen Geiſte innig zu durchdringen und ſo zum Gemeingut Aller zu machen, ſo würde trotzdem ein völliger Mangel an Kenntniß des klaſſiſchen Alterthums das Ver⸗ ſtändniß unſerer neueren Literatur weſentlich beeinträchtigen. Ob dieſer Umſtand auf einen Vorzug oder Mangel unſerer geiſtigen Entwicklung zurückzuführen iſt, darüber iſt viel geſtritten worden. Kurz, es iſt einmal ſo; unſere neuere Kultur iſt an eine ferne Vergangenheit geknüpft, und ſo kann der gebildete Deutſche, welcher die Gegenwart ganz verſtehen will, nicht umhin mit dem klaſſiſchen Alterthum ſich bekannt zu machen. Die reinſte Quelle des altklaſſiſchen Geiſtes aber iſt das Griechen⸗ thum. Dieſe Erkenntniß hat auch das Gymnaſium beſtimmt, im Gegenſatz zu den früheren Ent⸗ wicklungsſtadien der humaniſtiſchen Bildung in unſerem Jahrhundert der Pflege der griechiſchen Sprache und Literatur eine erhöhte Thätigkeit zuzuwenden; und in der That werden bei einem Jeden, dem das Glück geworden iſt, in den oberen Gymnaſialklaſſen der Leitung eines von dem griechiſchen Schönheitsideal durchdrungenen Lehrers zu folgen, die Geſänge Homers, die Reden des Demoſthenes und die hohen, in die edelſte Form gekleideten Gedanken eines Sophocles, Thucydides und Plato einen tieferen und bleibenderen Eindruck zurücklaſſen, als ihre oft ſtark abgeblaßten Nach⸗ bildungen in lateiniſcher Sprache. Die Realſchule, welche aus practiſchen Gründen der Aufnahme des Griechiſchen entſagen mußte, hat um ſo mehr darauf bedacht zu ſein, die Verbindung mit dieſer reinſten Quelle unſerer Kultur auf alle mögliche andere Weiſe feſt zu halten. Die ethiſchen Unter⸗ richtsfächer, namentlich die Geſchichte und der deutſche Unterricht ſind hierzu berufen, theils durch näheres Eingehen auf die wichtigſten Epochen des griechiſchen Kulturlebens und diejenigen Aeuße⸗ rungen deſſelben, welche ein unveräußerliches Beſitzthum der Gebildeten aller Nationen geworden ſind, theils durch Bekanntmachung mit guten Ueberſetzungen Homers, einzelner Tragödien des Sophocles, des einen oder anderen Dialogs des Plato, wozu ſich am beſten der Phädon eignen dürfte, beſonders aber des Herodot und des Plutarch, zweier Schriftſteller, die für jeden Menſchen geſchrieben haben. Daß die Lücke durch Ueberſetzungen nicht ganz auszufüllen iſt, muß von Jedem eingeräumt werden, dem die Erkenntniß beiwohnt, daß ſelbſt die beſte Ueberſetzung nicht im Stande, iſt, den ganzen Kunſt⸗ und Schönheitsgehalt, der zum großen Theil in dem unnachahmbaren Wohllaut der Sprache ſeinen Ausdruck findet, zu vermitteln; aber ſie vermag doch wenigſtens den Ideen⸗ gehalt zu geben und mehr ſoll ſie auch für den erwähnten Zweck nicht leiſten. Für die
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