Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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an Schöpfungskraft.*) Gilt dieſes von allen Lehrern, ſo gilt es in ganz beſonders hohem Grade von den Lehrern der fremden Sprachen, für die Realſchulen alſo vorzugsweiſe des Engliſchen und Franzöſiſchen, inſofern ihnen außer jener allgemeinen Aufgabe auch noch die grammatiſche Bildung der Schüler zufällt. Damit iſt die Frage, ob und wie deutſche Grammatik zu lehren ſei, wohl am einfachſten entſchieden, und es iſt nach den treffenden Bemerkungen Wackernagels, dem die einſichtsvollſten Erzieher, wie namentlich auch Schrader in ſeiner Erziehungslehre, beigetreten ſind, kaum noch über dieſen Punkt zu ſtreiten.Mögen die Flexionsformen, heißt es bei Wackernagel a. a. O. S. 84,nun der wiſſenſchaftlichen Betrachtung oder des leichteren Erlernens wegen in diejenigen Syſteme zuſammengeſtellt ſein, die wir dann ſtarke und ſchwache, erſte und zweite Declination und Conjugation nennen, immer exiſtiren die ſämmtlichen Formen auch ohne dieſe Zuſammenſtellung in der Sprache. Sich aber mit dem Schema ohne viſſenſchaftliches Intereſſe, das bei dem Knaben noch nicht vorhanden iſt, oder ohne practiſche Zwecke bekannt machen müſſen, iſt das Ertödtendſte, das nur erſonnen werden kann. Wenn ein Schüler dagegen die Declinations⸗ und Conjugations⸗ formen einer fremden Sprache lernt, ſo verſammeln ſich alsbald von ſelbſt daneben die entſprechen⸗ den Formen ſeiner Mutterſprache....; die disjecta membra des Syſtems, das er längſt gekannt, aber verflochten in den weiten Organismus der Sprache, treten in Reihe und Glied, mühelos, als zum Verſtändniß der fremden Tabellen von ſelbſt gehörig... Ueberall, wohin die Regel der fremden Sprache führt, löſt ſie die Unmittelbarkeit der Mutterſprache.

Was der deutſche Unterricht ſelbſt ohne die Herbeiziehung des fremdſprachlichen Unterrichts für die Einführung in Bau und Geiſt der Mutterſprache zu leiſten hat, iſt darauf gerichtet, daß der Schüler ſich durch unausgeſetzten und innigen Verkehr mit den Schätzen unſerer Literatur älterer und neuerer Zeit in die Schönheit und reiche Fülle des in der Sprache zum Ausdruck gelangten vater⸗ ländiſchen Weſens hineinlebt;er ſoll den Klang der Mutterſprache empfinden und das lebendige Spiel ihrer bald kräftigen bald anmuthvollen Bewegungen mit dem Behagen anſchauen, daß alles dieſes ihm und ſeinem Volke angehöre.

So iſt alſo die nächſte Aufgabe des deutſchen Unterrichts innerhalb der Grenzen ſeines be⸗ ſonderen Unterrichtsſtoffs die Einführung in unſere vaterländiſche Literatur und die möglichſt voll⸗ ſtändige Aneignung des Beſten aus derſelben nach Inhalt und Form. Unſere vaterländiſche Sprache und Literatur iſt das gemeinſame Band, das uns alle umſchlingt; ihr liebevolles und eingehendes Studium iſt das beſte und ſicherſte Mittel, zwiſchen den Zöglingen der beiden höheren Unterrichts⸗ anſtalten, welche wie wir oben ſahen, den maßgebenden und leitenden Bevölkerungsklaſſen ihre Vor⸗ bildung für das Leben zu geben berufen ſind, eine gemeinſame Richtung des Denkens und Wollens herbeizuführen. Damit wird die Gefahr einer Spaltung und Benachtheiligung unſeres nationalen Geiſteslebens, welche man von der Zweitheilung des öffentlichen Unterrichtsweſens vielfach gefürchtet hat, am ſicherſten vermieden.

*) Wackernagel a. a. O. S. 17.