Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

Geiſtesſchätze antreibt, zieht uns allein zu der engliſchen Literatur hin. Es iſt mehr noch ein Ge⸗ fühl der Blutsverwandtſchaft, welches unſerer Theilnahme an derſelben eine Wärme mittheilt, wie ſie ein auch mit dem freieſten Blick begabter Nomane der engliſchen Literatur gegenüber nimmermehr empfinden kann. Ueberall dringt bei dem engliſchen Volke der germaniſche Kern durch, und nur kurze Zeit vermochte romaniſches Weſen auf engliſchem Boden zu einer vorübergehenden Herrſchaft zu gelangen. Daher das frohe Aufjubeln der deutſchen Dichterjugend während der Sturm⸗ und Drangperiode, als Percy's Balladenſammlung, Milton und namentlich Shakſpeare in Deutſchland bekannt wurden. An dem letzteren iſt unſere neuere Literatur großgewachſen; er iſt in Wahrheit einer der Unſeren geworden. Aehnlich verhält es ſich mit andern Schriftſtellern. Welchem Deutſchen tönen nicht die Namen von Defoe's Robinſon und Goldſmith's Vicar von Wakefield wie ein ſüßer Heimathsklang? Ein ſympathiſcher Zug geht durch die beiden großen germaniſchen Völker hindurch und zieht ſie zu einander hin. Sind die Wohlthaten, welche wir der engliſchen Literatur danken, groß, ſo haben wir nicht lange angeſtanden ſie zurückzuzahlen. Die Schriftſtellergeneration Englands ſeit dem Anfange dieſes Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag iſt von deutſchem Geiſte getränkt. Walter Scott hat in Deutſchland ſeine erſten Anregungen gefunden, Byron und Andere haben dank⸗ bar dem größten Genius unſeres Volkes gehuldigt.

Auch abgeſehen von der Geiſtesverwandtſchaft der beiden Literaturen, welche die Aneignung des fremden Ideengehalts zu einer immer neue Freude erweckenden Arbeit macht, iſt das Studium des Engliſchen auch inſofern eine treffliche Schule für die Bildung des deutſchen Ausdrucks, als es bei ſeiner reich ausgebildeten Synonymik zu eindringlichem Nachdenken und zur Aufbietung aller Mittel unſeres Sprachvorraths nöthigt, um das engliſche Original in gutem Deutſch wiederzugeben. Dabei iſt die große ſinnliche Kraft und Lebendigkeit des engliſchen Idioms, die kernige Lebensfülle und der unerſchöpfliche Reichthum an geſunden, der Natur abgelauſchten Charakteren bei hoher Sitt⸗ lichkeit und oft ergreifender Gemüthstiefe in den klaſſiſchen Werken dieſer unvergleichlichen Literatur von dem größten und nachhaltigſten Einfluß auf die ethiſche und äſthetiſche Bildung des Realſchülers. Kein anderer Unterrichtszweig würde wie das Engliſche, wäre es mit mehr Lehrſtunden ausgeſtattet, geeignet ſein der ethiſch⸗nationalen Bildung, wie ſie im deutſchen Unterricht angeſtrebt wird, in die Hände zu arbeiten.

Mit Recht iſt wiederholt darauf hingewieſen worden, daß im Grunde genommen jeder Lehrer innerhalb der Schranken ſeines Lehrgegenſtandes Lehrer des Deutſchen ſei.Die Schule thut, wie es Wackernagel in ſeiner ſchönen und anſchaulichen Weiſe ausdrückt,nur dasſelbe auf ihre Weiſe was alle Mütter an ihren kleinen Kindern thun und was auch immer unter allen Nationen die Menſchen gethan haben, wenn ſie einander in ihrer Sprache, ohne es zu wollen und zu wiſſen, förderten: ſie haben über nothwendige Dinge, über allerlei Erfahrungen vernünftig geſprochen, ſei es in überlieferten Formen, ſei es in neuen, und ſo iſt eines jeden Sprache, mit jeder neuen Er⸗ fahrung, der ſie ſich congruent gemacht, ohne bewußtes Zuthun von ſelbſt gewachſen an Fülle und

4