Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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ſchichtliche Entwicklung geforderten Aufnahme ſo vieler Lehrgegenſtände unſere Erziehung derjenigen der antiken Völker gegenüber ſo complicirt und in mancher Hinſicht unvolksthümlich werden mußte.

Das ſchönſte, mit wohlthuender patriotiſcher Wärme und dabei größtem practiſchen Verſtändniß geſchriebene Erzeugniß der einſchlagenden Literatur iſt die ſchon erwähnte kleine, aber nach Inhalt und Form ganze Bände aufwiegende Schrift von Ph. Wackernagel, die Schrader mit Recht ein goldenes Buch genannt hat, welches überhaupt kein Lehrer ungeleſen laſſen ſollte. Es iſt zugleich eines der älteſten auf dieſem Gebiet, hat aber nach faſt allen Seiten hin das Rechte getroffen. Vor dreißig Jahren bereits verfaßt gibt es in der anziehenden Form des Dialogs dem Lehrer des Deut⸗ ſchen die vortrefflichſten Fingerzeige, und ſeine Anſichten dürfen auch heute noch die vollſte Geltung beanſpruchen. Es wird uns daher noch öfter zum Führer dienen.

Da die deutſche Realſchule bei ihrer fortſchreitenden Entwicklung eine vorzugsweiſe nationale Richtung verfolgt, ſo hat natürlich für ſie der Unterricht in der Mutterſprache eine beſondere Wich⸗ tigkeit, und zwar, wie es in der oben angeführten Unterrichts⸗ und Prüfungs⸗Ordnung S. 48 heißt,ſowohl nach der Seite der formalen Geiſtesbildung und ſeiner nahen Beziehung zu allen übrigen Lehrgegenſtänden, als nach ſeiner ethiſchen Bedeutung, welche durch den Gegenſatz der den Realſchulen obliegenden Beſchäftigung mit der franzöſiſchen und engliſchen Sprache und Literatur geſteigert wird. Mit dem gewohnten pädagogiſchen Scharfblick iſt in den letzten Worten der an⸗ geführten Stelle unſerer Unterrichts⸗ und Prüfungs⸗Ordnung auf eine der wichtigſten Aufgaben des deutſchen Unterrichts an der Reatſchule hingewieſen. Denn wenn auch im allgemeinen die Behand⸗ lungsweiſe dieſes Unterrichtszweiges auf Gymnaſien und Realſchulen dieſelbe ſein wird, ſo treten doch in der Realſchule an denſelben mancherlei andere Anforderungen heran. Namentlich iſt das der Fall mit ſeinem Verhältniß zu den neueren Sprachen und der beſtimmenden Einwirkung ihres Stu⸗ diums auf die geiſtige Ausbildung und auf die Behandlung der Mutterſprache.

Was zunächſt das Franzöſiſche anlangt, welchem auf der Realſchule noch immer der Vorrang vor dem Engliſchen eingeräumt wird, ſo iſt ſeine formal bildende Kraft und ſein Werth für die Bereicherung unſeres Geiſteslebens einerſeits nach Inhalt und Form der Sprache ſelbſt abzuſchätzen, andererſeits nach dem Gehalt ihrer klaſſiſchen Literaturerzeugniſſe. In erſterer Hinſicht darf behauptet werden, daß die franzöſiſche Grammatik mit ihrer zum Theil mathematiſchen Genauigkeit eine vor⸗ zügliche Gymnaſtik für den jugendlichen Geiſt abgibt. Ihre nüchterne Schärfe kannn beim Ueber⸗ ſetzen aus dem Deutſchen als ein recht brauchbares Mittel benutzt werden um die bei uns nicht ſo gar ſeltene myſtiſch dunkele Gedankeneinkleidung auf ihren wahren Gehalt zu prüfen. Der heilſame Einfluß, den das Franzöſiſche mit ſeiner durchſichtigen Klarheit und gefälligen Leichtigkeit auf unſere Sprachbildung ausgeübt hat, iſt von den größten Heroen unſerer eigenen Literatur bereitwillig gner⸗ kannt worden; bekannt ſind namentlich die darauf bezüglichen Aeußerungen Göthes.

Da die Schule von den Tageserzeugniſſen der Gegenwart mit ihrer vielfach von franzöſiſchen Autoritäten ſelbſt gerügten Sprachverwilderung abſieht, ſo kann dieſe beſondere. bildende Kraft des franzöſiſchen Idioms auch heute noch für unſere Schulen mit Nutzen ausgebeutet urrden Ich be⸗