Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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Wie einſeitig lauten daher die an der Spitze ſo mancher Grammatik ſtehenden Definitionen der Sprache, daß ſie das Mittel ſei, wodurch der Menſch ſeine Vorſtellungen, andere ſagen, ſeine Gedanken, darſtelle und mittheile. Als wenn ſich nicht gerade umgekehrt alles, was wir unſere Gedanken, unſer Wiſſen nennen, vermöge der Sprache auf uns vererbt hätte, ſo daß man beſſer ſagen würde, die Sprache ſei das Mittel, durch welches wir unſere Gedanken bekommen. Unſere Gedanken, d. h. die Gedanken des Volks, zu dem wir gehören, die Gedanken der Vorwelt, die uns erzeugt und zu Trägern ihrer Ueberlieferungen beſtimmt.

So iſt unſer Verhältniß zur Mutterſprache ein Pietätsverhältniß, und wir geben ihr, wenn wir natürlich empfinden, den Vorzug vor jeder anderen. An ihr bildet ſich eigentlich erſt unſer Bewußtſein, aus ihrem Schoß wird unſer Geiſt geboren. Eignen wir uns auch fremde Sprachen an und erweitern dadurch unſer nationales Bewußtſein zu einem menſchheitlichen, ſo kann doch das Verhältniß zu jener, ſelbſt unter den günſtigſten Umſtänden, nie ein ſo inniges und tiefes werden, wie es das zur Mutterſprache iſt. Sie iſt und bleibt mit ihren geiſtigen Schätzen die natürgemäßeſte und geſundeſte Nahrung des Geiſtes. Sie iſt und bleibt ſeine eigentliche Heimath, die ihm keine noch ſo herrliche Fremde zu erſetzen im Stande iſt.

Bedürfte es für das Geſagte eines Beiſpiels, ſo könnte kein ſchöneres und rührenderes gefunden werden, als das, welches der Dichter Chamiſſo bietet. Als Kind mit einer franzöſiſchen Emigranten⸗ familie nach Deutſchland gekommen eignete er ſich bis zu einem bewundernswerthen Grade deutſche Sprache und deutſches Weſen an, ſo daß er die faſt ohne Beiſpiel daſtehende Erſcheinung eines Mannes zeigt, der in einer Sprache, welche nicht die ſeines Geburtslandes war, ein bedeutender, alle Mittel des Idioms beherrſchender Dichter wurde. Trotz dieſer bis zur vollkommenſten Täuſchung gehenden Aſſimilirung an die fremde Nationalität ging ein unheilbarer innerer Zwieſpalt durch ſein Leben, dem er in der ſchönen Erzählung von Peter Schlemihl einen ſo tiefpoetiſchen Ausdruck ge⸗ geben hat. Ergreifend iſt, was von den letzten Augenblicken des ſterbenden Dichters erzählt wird, der während der wirren Phantaſien der Todesſtunde in den Lauten ſeiner Mutterſprache geſprochen haben ſoll.

Bei dieſem innigen Verwachſenſein der Mutterſprache mit unſerem ganzen Weſen, unſerem innigſten Fühlen und Denken fordert ſie im nationalen Erziehungsweſen eine hervorragende Stellung. Daher iſt denn auch ſeit dem mächtigen Wiedererwachen des nationalen Bewußtſeins der Unterricht in der Mutterſprache der Gegenſtand des Nachdenkens vieler, darunter ſehr bedeutender, in Wiſſen⸗ ſchaft und Praxis hervorragender Männer geworden. Seit vierzig Jahren etwa wird dem deutſchen Unterricht ein Intereſſe zugewandt, wie kaum einem anderen Unterrichtszweige. Die bedeutende Menge größerer und kleinerer Schriften, die über dieſen Gegenſtand ſchon veröffentlicht ſind und noch immer erſcheinen, liefert aber gerade den Beweis, daß eine völlige Klätung der Anſichten noch nicht erfolgt iſt, wenn auch jetzt ſchon gewiſſe leitende Geſichtspunkte eine allgemeine Geltung erlangt haben. Die Frage iſt dadurch weſentlich erſchwert und ihr Ziel zum Theil verſchoben worden, daß bei der Vielgeſtaltigkeit unſeres Unterrichtsweſens und bei der durch die Verhältniſſe und die ge⸗