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unſeres Volkes wie die anderer europäiſcher und außereuropäiſcher Kulturvölker hat ſich dem Scharf⸗ ſinn jener hochbegabten Männer erſchließen müſſen.
Und die Sprachforſchung enthüllt nicht nur die äußere Geſchichte der Völker, ſondern ſie zeigt uns, was mehr iſt, ihre innere Entwicklungsgeſchichte, ihre Weltanſchauung, ihren Kulturzuſtand und ihr geiſtiges Leben.
Bei dieſem innigen Zuſammenhang der Sprache mit dem ganzen geiſtigen und leiblichen Daſein eines Volkes, das in allen ſeinen Faſern davon durchdrungen wird, finden wir es leicht erklärlich, daß kräftige Völker für die Erhaltung dieſes theuren Gutes ihr Leben einſetzen und es wie ein Heiligthum hochhalten. Und in der That iſt der Verluſt der Sprache mit der Vernichtung eines Volkes gleichbedeutend; es verliert mit dieſem weſentlichſten ſeiner Characterzüge nach und nach auch ſeine anderen Eigenthümlichkeiten und geht in einem fremden Volke auf.
Es gilt aber andererſeits von der Sprache auch, was von der Dichtkunſt im engeren Sinne gilt; ſie vermag Unſterblichkeit zu geben und lebt ſelbſt über dem Grabe abgeſtorbener Völker, gleichſam als ihre Seele den phyſiſchen Untergang überdauernd, ein ewiges Leben. Auf das durch das Schickſal der Sprache bedingte Andenken der Völker oder ihr Verſchwinden aus dem Gedächtniß der Menſchen finden die herrlichen Verſe Anwendung, welche Göthe in ſeiner Elegie„Euphroſyne“ der lebenverleihenden Macht der Dichtkunſt widmet.
Wie die Dichtkunſt, ſo verleiht auch die Sprache dem Gedächtniß eines Volkes Weſen und Geſtalt, weil ſie eben ſelbſt, wie wir oben ſahen, der unmittelbarſte Ausdruck des geſammten inneren und äußeren Volkslebens iſt und deſſen Weſen und Geſtalt treu wiedergibt.
So iſt auch in unſerer Sprache und der in ihr niedergelegten Literatur das uns eigene Volks⸗ thum ſowie der Entwicklungsgang unſerer innern und außeren Geſchichte in unverkennbaren Zügen ausgeprägt, und zwar ſchärfer als in irgend einer anderen Aeußerung unſeres Volkslebens.
Damit iſt auf das wichtigſte Mittel der zu erſtrebenden nationalen Bildung hingewieſen.„Denn das iſt nationale Erziehung,“ ſagt Ph. Wackernagel,*)„wenn der Jugend Liebe für ihr Volk und ihre Sprache eingepflanzt wird.“
Derſelbe vortreffliche Mann, dem unſere deutſchen Sprachſtudien und der Unterricht in der Mutterſprache ſo vielzverdanken, hat unſerem Verhältniß zur Mutterſprache in der angeführten kleinen, aber durch Form und Inhalt gleich ausgezeichneten Schrift warme und geiſtvolle Worte gewidmet. „Die Mutterſprache,“ ſagt er,„iſt die Sprache, die ich unmittelbar lerne, die ich nicht als Sprache lerne, ſondern als Denken, Wollen und Empfinden, als congruent mit dem, was ſie ausdrückt, mit allen göttlichen und menſchlichen Dingen.“
„Sollte man nicht ſagen dürfen, die Mutterſprache ſei angeboren?...“
„Das Erlernen der Mutterſprache iſt nur eine Entfaltung des in das Kind gelegten beſtimm⸗ ten Sprachkeims...“
*) Ter Unterricht in der Mutterſprache. Stuttgart, 1843.
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