Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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trefflich geeignet zur Charakterbildung mitzuwirken. Denn ihre Einwirkung beſteht, nach dem treff⸗ lichen Wort des Schulraths Schrader(in ſeiner Erziehungs⸗ uud Unterrichtslehre S. 504)in ihrem einheitlichen und lebendigen Einfluß auf den geſammten Geiſt, in ähnlicher Weiſe wie es bei dem Sprachunterricht der Fall iſt.Es handelt ſich, ſo heißt es im weiteren Verlauf der ange⸗ führten Stelle,in dem Geſchichtsunterricht nicht um vereinzelte und in ſich geregelte Anregungen des Verſtandes, der Phantaſie und des Gemüths, ſondern die Einſicht, die ideale Anſchauung und das Gewiſſen des Schülers wird überall durch denſelben gefördert, entwickelt und zu einem einheit⸗ lichen und vernunftgemäßen Geiſtesleben geſammelt.

Dem Geſchichtsunterricht geht in der Verfolgung des ethiſch⸗nationalen Erziehungszweckes die Vaterlandskunde mitwirkend zur Seite.

Die Vaterlandskunde bildet einen Theil der Erdkunde. Die gegenwärtige Entwicklung hat dieſe letztere Wiſſenſchaft erſt auf die Höhe der modernen Wiſſenſchaften erhoben; ſie iſt in ihrer jetzigen vollendeten Ausbildung ein Werk deutſchen Denkens. Die ihre Grundlage bildende tiefe Wahrheit, daß die Entwicklung des Menſchengeſchlechts durch die Natur ſeines Wohnplatzes beherrſcht wird, gefunden zu haben, iſt das Werk eines Deutſchen, Karl Ritters, des genialen Begründers der vergleichenden Erdkunde. Was iſt durch practiſche Gründe wie durch die Verpflichtung nationaler Erziehung näher gelegt und natürlicher, als dieſe Wiſſenſchaft mit dem Lande zu beginnen, dem wir unſer leibliches und geiſtiges Daſein verdanken.

Und nicht nur muß, bei der für dieſen Unterrichtszweig maßgebenden inductiven Methode mit der Vaterlandskunde begonnen werden, ſondern ſie muß den Zögling unſerer höheren Bildungs⸗ anſtalten, immer weiter und tiefer eindringend, durch alle Stadien ſeiner Ausbildung bis zu deren Abſchluß begleiten. Auch abgeſehen von practiſchen Forderungen und Gründen der Pietät verdient das deutſche Land dieſe Bevorzugung; denn welches herrliche, reiche Bild bietet uns gerade unſer Vaterland. Luden*) ſagt, daß Deutſchland zu den ſchönſten Ländern gehöre, welche die Sonne be⸗ grüßt in ihrem ewigen Berufe. Wie mannigfaltig und reich gegliedert iſt ſein phyſiſcher Bau. Welche Menge von Merkwürdigkeiten in Städten, Gebirgen, Ebenen! Alle Künſte haben ſich vereint, es zu ſchmücken, hier mit himmelanſtrebenden Domen, dort mit Meiſterwerken der Bildhauerkunſt und Malerei. Die reichſte und mannigfaltigſte Abwechſelung finden wir auf unſerem heimiſchen Boden, von dem lieblichen Hügelland zur grauſen Felswildniß, von der getreidereichen Tiefebene zum wald⸗ reichen Gebirgsland. Welcher Strom der Erde vereinigt an ſeinen Ufern eine ſo unüberſehbare Fülle lieblicher und großartiger Landſchaftsbilder mit den redenden Zeugen einer großen Vergangen⸗ heit und einer reichen Entfaltung modernen Kulturlebens, wie der Rhein von ſeiner Quelle bis zu dem Punkte, wo er die deutſchen Marken verläßt. Dazu die Mannigfaltigkeit eines vielgeſtaltigen Volkslebens in den verſchiedenen deutſchen Stämmen.

Unterſtützen hier, wie bei der Geſchichte, den Unterricht gute Abbildungen, ſo wird mit der

*) Geſchichte des deutſchen Volks I. S. 1.