Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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haben, heißt Bildung. In der That liegt in dieſem Unterrichtszweige die Kraft auf diejenige Stufe geiſtiger und gemüthlicher Entwicklung vorzubereiten, deren Charakter in dem klaſſiſchen Worte ausgeſprochen iſt:Homo sum, nihil humani a me alienum puto. Daß der volle Inhalt des Begriffs Bildung, wie er in den vorſtehenden Worten ausgeſprochen iſt, nicht an der heranwachſenden Jugend ſchon in dem kurzen Zeitraum der Schulbildung zur Entwicklung gebracht werden kann, daß dazu vielmehr die ernſte unausgeſetzte Thätigkeit des Mannes erforderlich iſt, verſteht ſich von ſelbſt. Die Schule darf ihre Aufgabe als Bildungsanſtalt für gelöſt halten, wenn ſie dem Schüler Kraft und Luſt erweckt hat, ſich jener Aufgabe zu unterziehen. 1 Wenn die Univerſalgeſchichte, von deren bildender Kraft hier zunächſt die Rede iſt, vor dem Blick die Geſchicke und die Kulturarbeit der geſammten Menſchheit vorüberziehen läßt, ſo erfüllt ſie damit eine Aufgabe, die dem Nationalcharakter des deutſchen Volks, dem immer eine univerſale Tendenz eigen geweſen iſt, beſonders entſpricht. Dem gegenüber wendet ſich unſere Theilnahme, wie billig, gegenwärtig vorzüglich unſerer eigenen Nation zu; die Schule hat dieſem Zuge unſeres Volkes, das mehr und mehr bei ſich ſelbſt einzukehren und heimiſch zu werden beginnt, zu folgen, und Lehrer wie Schüler werden ihm gern folgen. Denn welches reiche Leben zeigt dem Blick gerade unſere deutſche Geſchichte mit ihrer Fülle großer und erhebender Charaktere unter den Fürſtengeſchlechtern wie im Volke. Namentlich die deutſche Kulturgeſchichte darf von uns mit Stolz betrachtet werden, da kein anderes Volk in Europa ſo weltbewegende Geiſteskämpfe, ſo weltumgeſtaltende Erfindungen aufzuweiſen hat. Wo ſind Fürſtengeſchlechter in der älteren und neueren Zeit, welche eine ſo bedeu⸗ tende Anzahl durch Geiſt und Charakter in gleicher Weiſe hervorragender Repräſentanten aufzuweiſen hätten, wie das ſächſiſche Kaiſerhaus, die Hohenſtaufen und die Hohenzollern. Läßt es ſich die Geſchichtſchreibung und ihr folgend der Geſchichtsunterricht angelegen ſein, nicht blos das Gerippe der äußeren Thatſachen zu geben, ſondern den ganzen Fortſchritt des Menſchen⸗ geſchlechts in allen ſeinen Lebensäußerungen, Religion, Sitte, Wiſſenſchaft, Kunſt, ſocialem Leben u. ſ. w. ſo bietet ſie dem jugendlichen Geiſte eine Fülle des Gedankenſtoffs und der Lebensanſchauungen dar, wie es neben ihm nur noch der Unterricht in der Mutterſprache vermag. Um ſeinen Zneck völlig zu erreichen, muß der Geſchichtsunterricht, welcher das geſammte menſchliche Streben, alſo die Har⸗ monie des Geiſtigen mit dem Sinnlichen darſtellt, namentlich auch die Künſte in den Kreis ſeiner Betrachtung ziehen. Er muß durch Abbildungen die vorzüglichſten Werke der Architectur, der Sculptur und Malerei der Jugend zur Anſchauung bringen und ſie ſo für das Schöne begeiſtern, indem er daſſelbe im Bunde des Sittlichen zeigt. So wird gerade auf der Realſchule dem Ge⸗ ſchichtsunterricht im Zuſammenwirken mit den gleich zu beſprechenden Unterrichtszweigen die wichtige Aufgabe, das ideale Streben zu pflegen und einen kräftigen Damm gegen die materialiſtiſche Zeit⸗ ſtrömung zu bilden. Da das Studium der Geſchichte, beſonders der vaterländiſchen, zur Sittlichkeit und zur Pietät, die in unſerer Zeit in ſo hohem Grade der Pflege bedürfen, erzieht, ſo iſt es vor⸗

*) Kaßner, a. a. O.