„Als Pflanzſtätte vaterländiſcher Bildung hat alſo die deutſche Realſchule,“ um mit den Worten Dr. O. Richters*) zu ſprechen,„ihre Zöglinge nicht nur einzuführen in den innerſten Geiſt der deutſchen Nation, wie ſich derſelbe in Sprache, Sitte, Religion, Literatur und Geſchichte ausſpricht, ſondern auch Liebe und Begeiſterung für die geiſtigen Gäter des Vaterlandes, ſowie jenen kräftigen patriotiſchen Drang zu erwecken für die Mehrung jener herrlichen Güter in ernſter Arbeit mitzu⸗ wirken. Männer muß ſie erziehen, welche mit allen Trieben ihres Daſeins wurzeln im deutſchen Boden, welche wohl ausgerüſtet und entſchloſſen eintreten können in das friſch pulſirende Leben der Nation, bewußt ihrer Pflicht gegen das Vaterland, fähig dieſelbe zu erfüllen. Männer, innig und warm fühlend für alles Große, Edle und Schöne, aber auch ſtark und entſchloſſen zu ernſter müh⸗ ſamer Arbeit im erwählten Beruf— nicht aus niedrig ſelbſtſüchtigem Intereſſe, ſondern aus leben⸗ diger Erkenntniß der Nothwendigkeit nützliche Glieder in der vaterländiſchen Gemeinſchaft darzuſtellen.“
So kann der Sinn des Volkes veredelt, das nationale Selbſtbewußtſein und Ehrgefühl gehoben und die Manneskraft gepflegt werden, die unſer Volk zur Erhaltung ſeiner Unabhängigkeit und Selbſtſtändigkeit eiferſüchtigen Nachbarn gegenüber noch lange bedürfen wird.
Mit Recht iſt gerade an die Realſchule, weil ſie eben noch nach einer neuen Form ringt, der Anſpruch erhoben worden, daß ſie der Ausdruck werde für ein wahrhaft nationales Erziehungs⸗ und Unterrichtsweſen, gerade jetzt in einer Zeit, wo die nationale Staatsidee das Ferment der neuen deutſchen Kulturepoche geworden iſt. Der hauptſächlichſte Theil dieſer Aufgabe fällt natürlich den ethiſch⸗nationalen Bildungselementen zu, die ja in den Herzen der Jugend immer den tiefſten An⸗ klang finden. An deutſcher Sprache und Dichtung, an vaterländiſcher Geſchichte und Sitte muß das Herz der Jugend ſich erheben, ihr Charakter ſich entwickeln. Vaterlandskunde, einheimiſche Geſchichte und Literatur müſſen daher in höherem Maße als bisher gepflegt werden.
Ohne Zweifel wird bei der anzuſtrebenden Vereinfachung des Lehrplans der Realſchule der dadurch erzielte Gewinn vorzugsweiſe den Disciplinen zu Gute kommen, welche auf jenes Ziel hin⸗ arbeiten, der Geſchichte, der Vaterlandskunde und dem deutſchen Unterricht.
Die Vertiefung in die Vergangenheit, zu welcher der Geſchichtsunterricht hinführt, eröffnet den Blick für die Gegenwart und Zukunft und leitet ſo auf die richtigen Bahnen. Die ganze von dem Menſchengeſchlechte ſeit Jahrtauſenden vollbrachte Arbeit wird von uns in der Weltgeſchichte noch einmal durchlebt. In der rechten Weiſe gehandhabt und mit der erforderlichen Stundenzahl ausge⸗ ſtattet, muß dieſer Unterrichtszweig ein Hauptfactor der Bildung werden, da er bei der Höhe, zu welcher das Studium der Geſchichte durch die jetzt zur Anwendung kommenden Principien gehoben worden iſt, ein Bild des geſammten Lebens in allen ſeinen reichen und mannigfaltigen Aeußerungen zu geben berufen ſcheint. Hat doch Droyſen(Grundriß der Hiſtorik. S. 51 u. 24) die Erklärung des Be⸗ griffes Bildung in folgenden Worten gegeben:„Das in der Geſchichte der Zeiten und Völker der Menſchheit Erarbeitete im Geiſt, dem Gedanken nach, als Continuität durcharbeitet und durchlebt
*) Die vaterländiſche Erziehnng in der Realſchule. Central⸗Organ für die Intereſſen des Realſchulweſens.


