Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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II

zu gewinnen. Um ſo mehr hat die Schule, welcher nach dem ſchönen Wort Rückerts das Herz der Jugend, mithin die Zukunft des Vaterlandes nicht nur, ſondern der geſammten Menſchheit in die Hand gegeben iſt, die Pflicht und den Beruf die Mittel und Wege zu ſuchen, durch welche ſie ſich eine heilſame Einwirkung auf die Charakterbildung und ſomit auf die Geſtaltung des Kulturlebens unſerer Nation in Gegenwart und Zukunft ſichern kann. Hat man nun als Zweck und Ziel des Unterrichts auf der Realſchule die geiſtige Disciplin, die Befähigung zum Lernen, die Uebung des Denkvermögens, methodiſch und ſicher einen geiſtigen Stoff zu durchdringen und zu verarbeiten, mithin eine reine Verſtandskultur, hingeſtellt, ſo iſt damit doch nur auf die eine, allerdings ſehr wichtige Seite der Realſchulbildung hingewieſen.*) Schlimm würde es mit ihrer Einwirkung auf unſer Volksleben ſtehen, wenn jener Richtung der erziehenden Thätigkeit nicht die Bildung des ſitt⸗ lichen Charakters, des Gemüths und des Schönheitsſinns ergänzend zur Seite ginge. Für die Bil⸗ dung des ſittlichen Charakters aber kommt, wie ſchon oben bemerkt worden iſt, das Uebergewicht den ethiſchen Unterrichtsfächern zu. In ihnen ſtellt ſich nach den von Dr. B. Kaßner**) angeführten Worten des Provinzial⸗Schutraths Scheibert die Erziehung die Aufgabe,der Individualität in und mit dem allgemeinen Menſchlichen zu ihrer Entfaltung und Erſtarkung bis zum Charakter zu ver⸗ helfen. Das volle Menſchheitsideal iſt aber erſt in dem milden Sonnenſtrahl des Chriſtenthums zur Reife gediehen; denn ſelbſt die edle antike Bildung und der hohe Geiſt der griechiſchen Philoſophie kann nicht als ein genügender Erſatz für die unter dem Einfluß des Chriſtenthums gewonnene Geiſtesbildung angeſehen werden. Ein Humanismus ohne Chriſtenthum, ſei es ein ſolcher, der ſich dagegen gleichgültig verhält, oder ein ſolcher, der über dasſelbe hinaus zu ſein glaubt, iſt eben nur ein mangelhafter Humanismus; auch bildet ja das klaſſiſche Alterthum nur einen Theil unſeres durch die Arbeit ſo vieler Jahrhunderte und ſo vieler Kulturvölker vermehrten geiſtigen Beſitzthums und die neuere auf der Grundlage des Chriſtenthums ruhende Weltanſchauung iſt eine höhere als die antike. Namentlich ſcheint es, nach der treffenden Bemerkung des Profeſſor Ziller in ſeiner Grundlegung zur Lehre vom erziehenden Unterricht, der Beruf des deutſchen Geiſtes zu ſein, in der germaniſch⸗chriſtlichen Kultur die Anfänge der antiken Bildung zu höherer Vollendung zu führen. Wollen wir dieſer hohen Kulturaufgabe, welche das deutſche Volk auf ſeinem geſchichtlichen Ent⸗ wicklungsgange bisher verfolgt hat, nicht entfremdet werden, ſo müſſen alle Bürger ein klares Be⸗ wußtſein bekommen von dem geſchichtlich offenbarten Weſen der Nation. Mit dieſem Bewußtſein muß ſich jeder Einzelne durchdringen, ſo daß der Zweck des Einzelnen im Staate identiſch ſei mit dem Zweck des Ganzen; ſchon bei Ariſtoteles(Pol. VII. 2, 1.) finden wir die Lehre, daß die Glückſeligleit jedes Einzelnen und des Staates identiſch ſein müſſen. Das wahre Glück des Einzelnen wie des Ganzen iſt aber gegründet auf die durch die göttliche Offenbarung und durch die Vernunft geforderte Sittlichkeit. Sie iſt das Band Aller und zugleich der Boden, in welchem die Glückſeligkeit Aller ihre feſten Wurzeln hat, indem ſie die Selbſtſucht des Einzelnen beſchränkt und den Zwecken

*) Brennecke, a. a. O. S. 697. **) Die deutſche Realſchule vom Standpunkt der nationalen Staatsidee betrachtet. V. Dr. B. Kaßner. 2*