Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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der Natur mit all ihren ſchönen und großartigen Erſcheinungen, ihrer wunderbaren Geſetzmäßigkeit und Einfachheit bei aller Mannigfaltigkeit, ſo fällt jene Aufgabe doch vorzugsweiſe den eigentlich ethiſchen Unterrichtszweigen zu, der Religion, dem Geſchichtsunterricht und dem Sprachunterricht. Es ſind die Unterrichtszweige, welche den Menſchen zum Gegenſtande des Studiums machen. Des Menſchen nächſtes Studium aber iſt der Menſch:Die nöthigſten und fruchtbarſten Gegenſtände des Unterrichts, ſagt Mager(Mod. Humanitätsſt. Heft II. S. 14)ſind diejenigen, in welchen die Jugend ihre Begriffe über den Menſchen und über menſchliche Angelegenheiten bilden kann.

Wenn man behauptet hat, daß die Geiſtesthätigkeit an jedem Stoff geübt werden könne, ſo iſt dem mit Recht entgegengeſtellt worden, daß es überhaupt mit dem bloßen Ueben des Geiſtes nicht gethan ſei, wobei auf Hegels ſchönen Vergleich hingewieſen wird:Wie die Pflanze die Kräfte ihrer Reproduction an Licht und Luft nicht nur übt, ſondern in dieſem Proceſſe zugleich ihre Nahrung einſaugt, ſo muß der Sloff, an dem ſich der Verſtand und das Vermögen der Seele überhaupt entwickelt und übt, zugleich eine Nahrung ſein. Eine ſolche Nahrung bieten die ethiſchen Fächer dem Geiſte; ſie geben der Seele jene Kraft und Innerlichkeit, auf welcher alle theoretiſche und practiſche Bildung als auf ihrem Grunde ruht. Das iſt namentlich denen gegenüber zu betonen, welche mit Verkennung der innerſten Natur jeder wahren Geiſteserziehung die Realſchulen mit Stoff überſchütteten, den man zur baldigen Verwerthung im Leben für geeignet und nothwendig hielt. Dadurch wurde den Realſchulen großer Schaden zugefügt, weil man ſo einerſeits eine freie Aneignung des Stoffes verhinderte und andererſeits die Jugend nicht zu einer genügenden Ausbildung der geiſtigen Kraft gelangen ließ. Daß eine ſolche Erziehungsmethode das Hauptziel aller Erziehung, die Bildung des Charakters, verfehlen muß, iſt erſichtlich. Man hat die Urſache der ſo häufig wahrger mmenen Charakterſchwäche in der Unſicherheit und Unſelbſtſtändigkeit des Wiſſens geſucht, die zur Unſicherheit und Unſelbſtſtändigkeit des Wollens führe.*) Wenn die heilſame Einwirkung eines feſtbegrenzten und ſicheren Wiſſens auf eine Kräftigung des Wollens unzweifelhaft iſt, ſo wird doch dadurch allein die Erziehung des Charakters noch nicht vollendet, da er vorzugs⸗ weiſe auf dem ſittlichen Weſen des Menſchen ruht. Geſchichte und Menſchenleben geben in dieſer Richtung ausgiebige Belehrung. Iſt daher jene Anklage, wie leider zugeſtanden werden muß, nicht unbegründet, ſo muß die Erklärung in anderen Dingen geſucht werden; und leider brauchen wir nicht zu weit darnach zu gehen. In Kulturverhältniſſen, wie die unſrigen jetzt ſind, wo Altes im Abſterben iſt, Neues keimt, wo eine gewaltige Bewegung auf allen Gebieten des Lebens herrſcht, wo Selbſtſucht und Eigennutz die Herzen erfüllen und eine fieberhaft geſteigerte Genußſucht den ſchönſten Zug unſeres Volkslebens, den Familienſinn zu untergraben droht, fehlt es wahrlich nicht an ſchädlichen Einflüſſen, welche eine allgemeinere Verbreitung der Charakterſchwäche fördern helfen. Feſte ſittliche Grundſätze, welche den Boden bilden, auf dem der Charakter erwächſt, ſind in einer von verwirrenden Ideen und ſtreitenden Gegenſätzen ſo gewaltſam erſchütterten Zeit freilich ſchwer

*) Brennecke im Pädag. Archiv. 12. Jahrg. Nro. 9. S. 694.