Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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Menſch in ſich die Menſchheit darſtellen, wie es treffend von dem Altmeiſter Spilleke in den Worten ausgeſprochen iſt:Geht alle Entwicklung in der Geſchichte der Völker auf etwas Anderes hinaus als auf ein immer mehr perſönliches Menſchwerden dieſes allgemein Menſchlichen? Kann daher auch die Erziehung und Bildung des Einzelnen, in welchem das allgemeine Welt⸗ und Lebens⸗ princip ſich immer wieder abſpiegeln muß, auf etwas Anderes hinausgehen, als daß das Allgemeine immer mehr ein Beſtimmtes werde? Glücklicherweiſe lächelt ſeit den jüngſten gewaltigen Ereigniſſen, deren Zeuge wir geweſen, freilich noch durch manche Wolkenſchatten getrübt, die Sonne des Glücks freundlicher auf unſer Volk herab, ſo daß für uns nicht mehr das bekannte Nenienwort unbedingt Gültigkeit hat:

Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutſche, vergebens;

Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menſchen euch aus.

Mit der in dem Geſchick unſeres Volkes eingetretenen Wendung iſt ſelbſtverſtändlich auch die Aufgabe der Schule eine andere geworden. Wir brauchen nicht mehr, um unſer Herz zu erfriſchen und zu erheben, aus der Wirklichkeit in das Reich des Ideals zu flüchten oder bei fremden Völkern der älteren und neueren Zeit zu ſuchen, was wir bei uns nicht fanden. Der mit ſiegreicher Kraft wiedererwachte nationale Gedanke hat an die Stelle eines bequemen und in's Unbeſtimmte ſich ver⸗ lierenden Weltbürgerthums, in welchem ſich, die nächſten Ziele und die heiligſten Pflichten zur ſchweren Schädigung des chriſtlichen wie des nationalen Lebens überſehend, eine frühere Zeit gefiel, eine ener⸗ giſche Richtung auf vaterländiſches Weſen treten laſſen. Dieſer hat auch die Schule gerecht zu werden. Um dieſe ihre wichtigſte Aufgabe der nationalen Jugenderziehung recht zu erfüllen, hat die Realſchule vor allen Dingen die ethiſche, d. h. ſittliche Erziehung auf der Grundlage des Chriſtenthums im Auge zu behalten; denn es hieße das Lebenselement unſeres Volkes angreifen, wollte man es durch Ablenkung auf materielle Bahnen ſeinem innerſten Weſen, welches auf das Ideale gerichtet iſt und auf einer tief innerlichen Frömmigkeit und Sittlichkeit ruht, entfremden. Bei ihrer hervorragend practiſchen Richtung hat daher die Realſchule ſich namentlich vor der nahe liegenden Gefahr zu hüten, die idealen Bildungsziele aus dem Auge zu verlieren. Sie ſoll den viſſenſchaft⸗ lichen Sinn pflegen, wie das Gymnaſium, nur zum Theil in einer anderen Richtung; ſie ſoll dem Gemüthsleben ihrer Zöglinge einen Inhalt geben durch Erfüllung mit den Ideen des Wahren, Guten und Schönen, ihre Herzen erheben durch eine Erziehung im rechten chriſtlichen und vaterlän⸗ diſchen Geiſte.

Die drei Momente, welche jede wahehafte Bildung an ſich hat, beſtimmen ſich nach den weſentlichen Gegenſtänden, denen der Einzelne Geiſt und Gemüth zuwendet, und mit denen er ſich in das rechte Verhältniß ſetzt; Natur, Menſchheit, Gott.

In dem Kreiſe der hierauf gerichteten Erkenntnißgegenſtände, den auch die Realſchule in ihren verſchiedenen Unterrichtszweigen zu durchlaufen hat, ſind ihr die Mittel zur Erreichung jenes ethiſchen Ziels der Erziehung reichlich geboten. Bietet ſich ſchon im mathemathiſch⸗naturwiſſenſchaftlichen und im Zeichenunterricht Gelegenheit dazu durch Hinleituug zu einer gemüth⸗ und liebevollen Erfaſſung

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