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Ständen nicht die Rede ſein kann, ſo ergeben ſich drei Klaſſen von Ständen: die gelehrten, die höheren gewerblichen und die niederen gewerblichen Stände. Gemeinſam iſt allen dreien das Mittel zur Erlangung ihrer Zwecke, durch Unterricht zu erziehen, d. h. die bewußte, freie Selbſtthätigkeit des Zöglings an den Gegenſtänden der Außen⸗ und Innenwelt naturgemäß zu er⸗ regen und zu fördern. Die Realſchule nun bietet die allgemeine wiſſenſchaftliche Vorbereitung für diejenigen Berufsarten, für welche Univerſitätsſtudien nicht nöthig ſind; ſie ſoll diejenigen nach allen Seiten hin für die Erfüllung ihrer hohen Lebensaufgabe, geſchickt und tüchtig machen, die im Ge⸗ werbsleben regieren, welche, wie Kern es ausdrückt, die Leitenden ſind im Geſchäfte, in den Fabriken, in den Werkſtätten, in der Landwirthſchaft, im Comptoir und auf den Handelsplätzen; aber eben darum haben ſie auch eine ähnliche Stellung neben den gelehrten Ständen, in der Geſellſchaft, in der Gemeinde und ſelbſt im Staate. Das Wohl und Wehe der Arbeiter, für welche ſie die Arbeit⸗ geber ſind, hängt, wie von ihrer Thätigkeit im Geſchäfte, ſo namentlich auch von ihrer ſittlichen Lebensanſchauung, von ihrer humanen Bildung ab. Sie beſtimmen die Höhe, zu welcher, und den Geiſt, in welchem Handel, Induſtrie und Technik ſich in der Nation entwickeln, ſie ſollen die Bollwerke gegen das Eindringen des rohen Materialismus und der bloßen Gewinnſucht ſein; ſie ſind wenn ſie ihre Stellung richtig zu erfaſſen vermögen, die natürlichen Träger des Vertrauens für die große Menge, welche den gewerblichen Ständen angehört, d. h. für weitaus die Mehrzahl der Staatsbürger.—
Die Realſchule hat ſomit eine kulturgeſchichtliche Aufgabe von der höchſten Wichtigkeit, da ſie recht eigentlich die Schule für den Bürgerſtand iſt, den ſie auf die Stufe des Wiſſens und Urtheilens der modernen Weltanſchauung erheben ſoll, welche der geſellſchaftlichen Stellung des Bürgerſtandes als des Kerns des Volks und des Trägers des Volksgeiſtes entſpricht. Die Stellung, welche der Bürgerſtand im Kulturleben unſerer Zeit in Folge der Entwickelung der Lebensverhältniſſe unſeres Volkes eingenommen hat, kann er nur erfüllen und behaupten durch Aneignung einer erhöhten all⸗ gemeinen Bildung. Die deutſche Realſchule iſt das Organ für das Kulturleben des deutſchen Volkes der Gegenwart mit allen ſeinen eigenthümlichen, den Lebensformen des Alterthums wie des Mittelalters fremdartig gegenüber ſtehenden Erſcheinungen. Wie ſie für dieſes vorbereiten und heran⸗ bilden will, ſo nimmt ſie auch naturgemäß aus demſelben ihre Bildungsmittel, ihre Lehrſtoffe. Sie ſtrebt alſo— und das Verdienſt kann ihr nicht aberkannt werden— eine originale Bildung an und ſucht das Recht der Gegenwart zu thatſächlicher Geltung zu bringen, ſich aus ſich ſelbſt zu ent⸗ wickeln, wie das unter allen Völkern des Alterthums zur herrlichſten Blüthe gelangte Volk der Griechen ſich original aus ſich ſelbſt entwickelt hat. Daß gerade eine ſolche Verſenkung in die eigene Volksindividualität das ſicherſte Mittel ſei auch zu der Entfaltung der Humanität, d. h. der Menſch⸗ heit in ihrer höchſten, reinſten Form hinzuleiten, dafür liefert eben jenes bewunderungswürdige Griechenvolk wieder den beſten Beweis, das glücklicher als wir in ungeſtörter Abgeſchloſſenheit und mit energiſcher Fernhaltung fremder Einflüſſe in ſeiner individuellen Entwicklung zugleich das Menſch⸗ heitsideal am reinſten zur Darſtellung gebracht hat. So kann und ſoll aber jedes Volk und jeder


