Aufsatz 
Die ethisch-nationale Aufgabe der Realschule, mit besonderer Rücksicht auf den deutschen Unterricht / vom Rector Thele
Entstehung
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Amos Comenius, einer der bewunderungswürdigſten Bildner der Menſchheit, der berühmte Verfaſſer der Didactica Magna und des Orbis pictus, war es, welcher ſich zuerſt gegen das ein⸗ ſeitige Weſen der Pädagogik wendete, die den Geiſt der Jugend allzuſehr mit Abſtractionen, mit den Worten, abſtractem Regel⸗ und Formelweſen, abſtractem, der Gegenwart entfremdetem Stoff peinigte und ausdörrte, und dagegen die Sachen oder die ſinnlich anſchaubaren Bilder derſelben, die reichen Bildnngsſtoffe der Gegenwart, die Bedeutung, Bedürfniſſe und Rechte der Gegenwart zu ſehr aus den Augen verlor. Seine Ideen ſind jetzt längſt ein Gemeingut unſeres geſammten höheren und niederen Unterrichtsweſens geworden, und haben, wie es ſo häufig bei täglich genoſſenen, gleichſam ſelbſtverſtändlich gewordenen Wohlthaten zu geſchehen pflegt, den Urheber faſt vergeſſen laſſen. Einer der Grundgedanken ſeines Erziehungsſyſtems:Für das Leben, nicht für die Schule, wurde übrigens von ſeinen nächſten Nachfolgern auf dem neubetretenen Wege, Francke, Silberſchlag, Chriſtoph Semler in Halle und Hecker in Berlin mißverſtändlich angewendet, und ſtatt eine allgemeine Vorbildung für das Leben eine bloße Fachbildung angeſtrebt.

Für die Erkenntniß der wahren Stellung dieſer neuen Schulen, die man wegen ihrer Richtung auf die Erkenntniß der Dinge und das practiſche Leben Realſchulen nannte, iſt epochemachend das von dem hochverdienten Director Auguſt Spilleke im Jahre 1822 veröffentlichte Programm der Königlichen Realſchule zu Berlin, welche gewiſſermaßen die Mutter aller Realſchulen iſt.

In dieſer Schrift, welche über dasWeſen der Bürgerſchule handelt, ſtellt er dieſer die Aufgabe, in ihren oberen Klaſſen diejenige Bildung zu geben oder wenigſtens einzuleiten, die, ohne durch genauere klaſſiſche Studium bedingt zu ſein, für die höheren Verhältniſſe der Geſellſchaft vorausgeſetzt wird; eine ſpeciellere Vorbereitung für beſondere Berufsarten dagegen verwirft er. Die Erkenntniß, die Realſchule ſei nicht eine Fachſchule, welche die für die Berufsgeſchäfte nothwendigen Kenntniſſe und Fertigkeiten bieten will, ſondern eine allgemeine Bildungsanſtalt, deren Aufgabe es iſt, für die Erfüllung der geſammten Lebensaufgabe tüchtig zu machen, d. h. zu erziehen, dieſe Erkenntniß hat der Realſchule den ihr gebührenben Platz neben dem Gymnaſium gegeben. Ganz vortrefflich iſt dieſes Verhältniß der beiden Unterrichtsanſtalten von Kern in einer Programmab⸗ handlung der Luiſenſtädter Gewerbeſchule in Berlin vom Jahre 1869 begründet und entwickelt worden. Er gründet die beſtehende Theilung unſeres Unterrichtsweſens darauf, daß die Geſellſchaft ſich immer und ewig aus verſchiedenen Ständen zuſammenſetzen wird, eine Zuſammenſetzung, die ſich unter einem doppelten Geſichtspunkt auffaſſen läßt, nach dem Verhältniß in welchem ſie zu einander ſiehen, und nach der Richtung ihrer Thätigkeit. In Bezug auf ihr Verhältniß zu einander ſind die einen dazu beſtimmt, die Leitung in allen menſchlichen Dingen zu übernehmen, die andern dagegen, ſich dieſer Leitung zu überlaſſen; es iſt die alte unabänderliche Scheidung in höhere und niedere Stände. Mit Bezug auf die Richtung ihrer Thätigkeit unterſcheiden wir gelehrte und practiſche oder gewerbliche; die Thätigkeit der gelehrten Stände iſt nach innen gerichtet mit ihrem Zielpunkt im Erkennen und Wiſſen, die der practiſchen oder gewerblichen nach außen mit ihrem Zielpunkt im Bilden und Schaffen. Da nun von niederen gelehrten