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nationales Leben in der That in hohem Grade vorhanden, ſo iſt er ſeit unſerer letzten großen Literaturblüthe weniger fühlbar geworden, weil es eben das unſchätzbare Verdienſt der großen Heroen unſerer Literatur iſt, durch freie Wiederſchöpfung des antiken Geiſtes und ſeine innige Ver⸗ ſchmelzung mit dem deutſchen Gemüthsleben die Früchte der altklaſſiſchen Bildung Allen zugänglich gemacht zu haben. So iſt die moderne Bildung ſelbſtſtändig und, was für uns das Wichtigſte iſt, in den weſentlichſten Stücken unabhängig geworden von der antiken Kultur. Es dürfen daher, ſeit wir Dichter wie Göthe, Leſſing, Schiller und den längſt bei uns eingebürgerten großen Briten unſer eigen nennen, nicht mehr in dem Grade und der Ausdehnung, wie in früheren Jahrhunderten, die Bildungselemente des Alterthums in Bewegung geſetzt werden, um den modernen Geiſt zu leiten und zu klären.
Nun hat ſich aber ſeit der Wiederbelebung der Wiſſenſchaften unendlich viel verändert. Gewiſſe Völker der Neuzeit haben eine Kultur entwickelt, die nicht mehr ignorirt werden kann. Die Natur und ihre Geſetze ſind mit einem Erfolge durchforſcht, der in fortwährendem Steigen begriffen iſt; durch Ueberwindung des Raumes mit dem Telegraphen und der Dampfmaſchine und durch die Ver⸗ ünderung der täglichen Lebensbedürfniſſe hat das ganze Leben eine Umgeſtaltung erfahren. Alle Zweige des Wiſſens und Könnens ſind durch wetteifernde Arbeit der Kulturvölker des modernen Europas ungeheuer erweitert worden und haben in den einzelnen Disciplinen ſelbſt bereits gebieteriſch eine Theilung der Arbeit gefordert. Dieſer wachſenden Bereicherung unſeres Kulturlebens gegenüber entſtanden neben den Gymnaſien neue Schulen, um neue Dinge zu lehren.
Schon im Beginn des 17. Jahrhunderts hatte der univerſelle Geiſt des großen Baco von Verulam erkannt, daß die wiſſenſchaftliche Erforſchung der Wirklichkeit auf volle Unbefangenheit und Unabhängigkeit des Urtheils von irgend welchen fremdartigen Vorausſetzungen, auf ſtrenge Objec⸗ livität und Treue der unmittelbaren Beobachtung zu gründen ſei. Er wies damit auf dieſelbe ewig friſche Quelle hin, aus der das klaſſiſche Alterthum getrunken und ſein ſelbſtſtändiges Geiſtesleben geſchöpft hat; es iſt jener Realismus, welcher den Grundzug des helleniſchen Weſens bildet, und welchen Gothe, ſelbſt ein Grieche ſeinem Weſen nach, in„Winkelmann und ſein Jahrhundert“ ſo ſchön und treffend mit den Worten ſchildert:„Wirft ſich der Neuere faſt bei jeder Betrachtung ins Unendliche, um zuletzt, wenn es ihm glückt, auf einen beſchränkten Punkt wieder zurückzukehren: ſo fühlten die Alten ohne weiteren Umweg ſogleich ihre einzige Behaglichkeit innerhalb der lieblichen Grenzen der ſchönen Welt. Hierher waren ſie Deſegs itim berufen, hier Land ihre Shä gkei Mnu, ihre Leidenſchaft Gegenſtand und Nabrung.“
Dieſer antike Realismus, welchen man gemäß den Entwicklungſtadien des Bewußtſeins nm Realismus vor der Reflexion genunnt hat, iſt der Vorläufer des modernen Realismus, der mit energiſcher Ueberwindung der Abſtraction ſich wieder mit unastelbtamn objertivem Urtheil die Wirk⸗ lichkeit zu unterwerfen ſugt*)
)) Der moderne Renlismus Re waern Von Dr. Geiſt.


