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Gehorsam. Gehorchen müssen wir alle, auch der Mächtigste steht in eines grösseren Herrn Pflicht. Ordnung regiert die Welt. Kleinere und grössere(remeinschaften können nicht bestehen ohne Gesetz und Ordnung, und die Absicht einer solchen Gemeinschatt wird nicht erreicht ohne Gehorsam, auch nicht die unserer Anstalt an Euch. Deshalb ist Eure erste Tugend hier: Gehorsam, der Gehorsam, mit dem Ihr Euch willig fügt in die Zucht und Ordnung der Schule, und den Ihr auch bethätigt in Bewahrung von Anstand und feiner Sitte überall, wie es dem Zöögling einer höheren Lehranstalt geziemt und wie Ihr sie ja auch im Elternhause zu üben angehalten werdet. Auf einem solchen Gehorsam beruhen Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und ein fröhlicher Fleiss, dem der Erfolg nicht fehlet; mit ihm sind gepaart Frömmigkeit, die Gott im Herzen trägt und seinen Geboten gehorcht, und freudige Hingabe an alles Gute und Edle, was Einlass begehrt in Eure Seele. Mit solcher sittlichen Gewöhnung und Gesinnung werdet Ihr einst— durch die Schule für das Leben vorgebildet— brauchbare Mitglieder der menschlichen Gesellschaft und tüchtige Bürger unserer Stadt und des Vaterlandes sein.
Neben die Tugend des Gehorsams gehört die Tugend der Wahrhaftigkeit. Die Lüge ist das Zeichen eines knechtischen, feigen Geistes; die Wahrhaftigkeit aber verràt einen freien Geist und lautere Gesinnung, ohne Selbstsucht, ohne Arg, bescheiden und doch furchtlos Sie ist der Schmuck und das Ehrenkleid jedes deutschen Knaben und Jünglings. Wo Wahrhattigkeit in der Seele wohnt, da kommt das Wort frisch und frei von der Lippe, da blickt das Auge offen und ohne Scheu; wo sie ist, da ist Vertrauen, da ist Liebe, und wo Lehrer und Schüler einander mit Vertrauen und Liebe begegnen, da wird die Arbeit mit Freuden gethan, und Segen krönt das Werk.
Gehorsam und Wahrhaftigkeit sind echt deutsche und echt menschliche Tugenden.
Ihr seid Zöglinge der Friedrich-Wilhelms-Schule, die ihren Namen trägt von einem erlauchten Fürsten unseres Königshauses, der als Kronprinz Friedrich Wilhelm und als Kaiser Friedrich im Herzen des deutschen Volkes ein unvergänglich Denkmal gewonnen hat. Wodurch? Nun, durch seine Leutseligkeit und Herzensgüte, durch seine Eintachheit und Bescheidenheit, durch seine Offenheit und Wahrhaftigkeit, durch seine Gerechtigkeit und Duldsamkeit, durch seinen lebenslangen, bewundernswerten, willigen Gehorsam gegen seinen kaiserlichen Vater und die Ordnungen des Staates; durch seine Frömmigkeit und und Pflichttreue bis zum Tode; kurz durch seine echt inenschliche sittliche Persönlichkeit, durch seine Humanität, wie wir den Römern nachsagen. Humanität ist das, was den Menschen unterscheidet von anderen Wesen, ihm seine Würde und seinen Wert verleiht; sie ist, wie Goethe sagt, das»Göttliche« im Menschen, und er fordert sie mit den Worten: »Edel sei der Mensch, Hülfreich und gut!« Humanität, edles Menschentum, wollen wir hier alle lehren und lernen: die Krone, die Blüte, die Frucht alles Unterrichts, aller Erziehung ist und bleibt die Humanität. Sie ist auch der Inbegrift unserer Keligion; sie ist mit Recht das Zeichen der Zeit, in dem wir zu siegen hoffen über die Geister des Umsturzes und der Verneinung. Humanität ist von jeher eine Tugend der Deutschen gewesen; aber sie kann sich kraftvoll entfalten, wie bei Kaiser Friedrich, auch nur auf dem Grunde des Vaterländischen, in welchem wir ja mit allen Fasern unsers Seins


