Aufsatz 
Die Feier des 50jährigen Bestehens unserer Anstalt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6.-

Zeit haben sich die Grundsätze, nach welchen die Jugend unterrichtet wird. Jch legte sie bei meiner Ein- führung als Direktor folgendermaßen dar: Die Schüler sind ein kostbares Pfand, in dessen gewissenhafter, von unwaiidelbarer Gerechtigkeit getragener Verwaltung nichts versäumt werden dars; der vor allem nötige Gehorsam muß sich ganz von selbst ergeben. Durch Gewöhnung und Beispiele soll man Einfluß ausdie Schüler ausüben; nicht in der Furcht, sondern zur Ehrfurcht soll man sie erziehen. Fleiß und Pünktlich- keit, Gewissenhaftigkeit, Ordnung und Reinlichkeit, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit, die ja allen Kindern ungeboren sind, brauchen wir nur zu pflegen und weiter zu entwickeln, und die Lüge, ein uns allen ver- haßtes Laster, wird eine seltene Erscheinung sein. Ziel des Unterrichts ist die möglichst allseitige Ent- wickelung der geistigen Kräfte. Dies ist nicht möglich ohne ein gewisses Maß von Kenntnissen. Vor allem müssen wir den Kindern die Gesundheit zu erhalten suchen und durch Spiel und Turnen Gelegenheit geben, Kraft und Geschicklichkeit zu erwerben. Die Selbstverwaltung der Schüler und» die Schülerübungen im naturwissenschaftlichen Unterricht sind neuere Forderungen der Schule, denen in hiesiger Anstalt in erfreulicher Weise Rechnung getragen wird. Direktor und Lehrer haben es verstanden, die Anstalt weiter auszugestalten So hat sich die hiesige Realschule stets weiter entwickelt, möge es auch in Zukunft so bleiben, das walte Gottl

Herr Oberrealschul-Direktor Dr. Pitz-Alsfeld:

Am 7. Januar d. Js. blickte unsere Anstalt auf eine 50jährige Tätigkeit zurück. Mit freudiger Begeisterung wurde in den Kreisen ehemaliger Schüler der Gedanke aufgenommen, aus diesem Anlasse eine Schulfeier im Sommer zu veranstalten Heute ist dieser lang ersehnte Tag erschienen. Eine große Anzahl Festteilnehmer hat sich aus fern und nah in unserem Städtchen eingefunden Mit unserer Anstalt feiern alle diejenigen, die mit ihr in Verbindung stehen, oder gestanden haben. Dieses gereicht unserer Anstalt zur großen Ehre. Jch bin darum hocherfreut, hier begrüßen zu können: v die Vertreter der Regierung, die in den 50 Jahren über unserer Schule gemacht, ihre Entwickelung ge-

fördert und einen Teil ihrer Kosten gedeckt hat. Jch danke aber auch zugleich dem Vertreter der Regierung, Herrn Geh. Oberschulrat Dr. Scheuermann, für die herzliche Begrüßuiig und Beglück- wünschung, die er uns eben hat zuteil werden lassen und bitte, die hohe Regierung möge unserer Anstalt ferner ihr Wohlwollen bewahren. Jch darf ferner begrüßen:« die Vertreter des Kreisamts und der Kreisschulkommission, der unsere Direktoren als Mitglieder angehörten; die Vertreter der Stadt Alsfeld, die kein Opfer gescheut hat, um ihre Realschule finanziell zu unterstützen; frühere Direktoren und Lehrer, die segensreich an unserer Anstalt wirkten; die Vertreter der höheren Lehranstalten, mit denen uns viele enge Bande verknüpfen;

die Vertreter der Alsfelder Schulen, mit denen wir stets in freundnachbarlichem Verhältnis gestanden haben; die Menge der früheren Schüler, die zahlreich zu unserem Ehrentage erschienen sind und die jetzigen Kollegen und Schüler, die sich freuen, kmit den Gästen diesen Tag festlich begehen zu können. An diesem Tage geziemt es sich aber auch, einen Blick zurück zu werfen in die Geschichte unserer Anstalt, die sich aus recht kleinen Anfängen zu ihrer heutigen Größe entwickelt hat. Jm Jahre 1837 war die Alsfelder Lateinschule, die Jahrhunderte hier bestanden hatte, eingegangen und ihr Lehrkörper mit dem der Volksschule verschmolzen worden. Wer nach weiterer Ausbildung strebte, war gezwungen, sich diese auf privatem Wege zu verschaffen. Diesem Zweck diente bis zum Jahre 1860 das Kobeltsche Institut, das mit der Versetzung seines Inhabers aufgehoben wurde. Die Bestrebungen, Regierung und Landtag für die Unterstützung bei der Schaffung einer Real- schule in Alsfeld zu gewinnen, gelangen: Der Landtag bewilligte 600 Gulden Staatszuschuß und das Ministerium genehmigte am 17. August 1860 die Errichtung der Schule.

Von der am 7. Januar erfolgten Eröffnung an wurden 52 Schüler durch drei Lehrer und einen Hilfslehrer in zwei Klassen unterrichtet· Als die Zahl zu Pfingsten aber auf 97 gestiegen war, mußte die Anstalt in vier Klassen geteilt werden, in denen vier ordentliche Lehrer und vier Hilfslehrer tätig waren. Die Schüler traten mit dem vierten Schuljahr in die Anstalt ein und verließen sie im achten Schuljahr. also mit dem 14. Lebensjahr, genau so, wie in der Volksschule. Die Anstalt würde nach unseren jetzigen Begriffen eine höhere Bürgerschule genannt werden.

Bald zeigte sich, daß die Ungleichheit der Vorkeiintnisse, mit denen die Schüler eintraten, für diese nachteilig war. Darum wurde die Gründung einer Vorschule, die die Kinder mit dem sechsten Lebensjahr aufnehmen und vorbilden sollte, ins Auge gefaßt. Da die Verhandlungen mit dem Gemeinderat aber eine baldige günstige Lösung dieser Frage nicht erhoffen ließen, so wurde die Vorschule im Juli 1862 mit Ge- nehmigung des Ministeriums als eine Privatschule gegründet und erst im Herbst 1868 mit der Realschule organisch verbunden.

Die in der Schule verwandten Hilfslehrer legten im Laufe des Schuljahres 1865i66 ihre Stellen nieder. Für die Erteilung des dadurch frei gewordenen Unterrichts wurde eine fünfte ordentliche Lehrer- stelle geschaffen-

Jm Juli 1867, als der Entivurf eines Normallehrplans der Realschule für ganz Hessen aufgestellt werden sollte, wurde auch die Direktion unserer Anstalt aufgefordert, darüber-zu berichten, ob die Geld- mittel zur Verfügung stünden, noch eine weitere Klasse mit zweijährigem Kurs aufzusetzen, so daß die Schüler vom 10. bis 16. Jahre die Schule besuchen könnten, wodurch erreicht werden sollte, den Realschulen, und auch der unsrigen, die Berechtigung zu geben« das Zeugnis zur Befähigung zum Eintritt in den ein-