Aufsatz 
Die Feier des 50jährigen Bestehens unserer Anstalt
Entstehung
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Sälen des altberühmten Alsfelder Gasthofs sich abspielte, war vielleicht die stimmungsreichste Veranstaltung des doch in allem so schön verlaufenen Jubelfestes. Wirklich bewegend war die Freude, mit der die alten Schulkameraden einander begrüßten. Das war ein Lachen und Grüßen und Raunen, einen Händeschütteln, ein Umarmen, ein Fragen und Staunen und Ber- wundernl Alte Schmerzen und verklungene Freuden, verjährtes Leid und unverwelkte Liebe und Freundschaft stiegen auf, die Bilder froher Stunden aus des Lebens Mai gewannen frische Farben und neue Leuchtkraft, und manch ein Bund treuer Kameradschaftlichkeit wurde neu besiegelt und beschworen. ,,Wo ist denn die? Wo ist denn der? Weißt Du noch? Denkst Du noch daran? Wie heißt doch gleich die Straße? Damals, damals...« so summte und tönte es vielfältig aus allen Ecken, von allen Tischen, in jeder Stimmhöhe und Stimmstärke. Jn allem Erinnerungsjubel wurde einer ernsten Sache nicht vergessen:

Gegen 10 Uhr begrüßte Herr Koinmerzienrat Grünewald die zahlreich erschienenen Festteilnehmer und führte u. a. folgendes aus:

Am ,7. Januar 1861 ist die Realschule zu Alsfeld eröffnet worden. Es ist uns berichtet, daß der 7. Januar ein eisig kalter Wintertag gewesen sei, aber die Beteiligung an der Eröffnungsfeier war dennoch eine allgemeine, die Herzen schlugen höher, daß endlich das erreicht war, was man lange erstrebt hatte- Fünfzig Jahre sind verflossen, die Realschule hat sich gut entwickelt und den Beweis erbracht, daß sie nicht nur eine Berechtigung hat, hier zu bestehen, sondern daß sie eine Notwendigkeit für uns geworden ist. Daß das 50jährige Jubiläum der Schule nicht uiibeachtet vorübergehen durfte, darüber kann kein Zweifel bestehen. So hat sich denn ein Komitee gebildet, das die Sache in die Hand nahm. Daß man nicht im Januar, am Tage der Gründung, das Fest feierte, lag auf der Hand, denn im Winter kann man keine Feste feiern, und so ist der 1. Juli als Festtag gewählt worden, und die große Beteiligung an der Feier beweist, daß kein Fehler begangen worden ist. Mögeii die paar Tage in Jhnen alte liebe Freundschaft wieder erwachen lassen, möchten Sie alle das Bewußtsein mit nach Hause nehmen, vergnügte Stunden in Alsfeld verlebt zu haben.

Um der Dankbarkeit der ehemaligen Schüler ein bleibendes Denkmal zu setzen, ist eine Stiftung ins Leben gerufeii worden, und es ist verabredet, daß heute abend über den Zweck der Stiftung beschlossen werden soll·

Eiii Teil der früheren Schüler, welche zu der Stiftung beigetragen haben, versammelte sich hierauf zur Beratung. Nachdeni man sich nach längerer Besprechung geeinigt hatte, wurde das Ergebnis der Besprechung bekannt gegeben. Die Stiftung, die sich auf 3000 Mark beläuft, soll den Namen ,,Jubiläumsstiftung ehemaliger Realschüler 1911«« tragen. Die Zinsen des Kapitals sollen verwandt werden in erster Linie zur Unterstützung bedürftiger Schüler bei Schulausflügen. Eiti weiterer Teil der Zinsen soll für allgemeine Zwecke zur Unterstützung von Schülern nach dem Ermessen der Direktion Verwendung finden. Die Herren Kommerzien- rat Grünewald, Julius Waldeck, Direktor Dr. Pitz, Gustav Ramspeck und Wilhelm Vogeley sollen wegen Anlegung des Stiftungs-Kapitals mit der Stadt verhandeln.

Bis lange nach Mitternacht blieben die Festteilnehmer in freudigster Stimmung beisammen-

Am Samstag, dem 1. Juli, gegen 103X4 Uhr nahm der Festakt seinen Anfang mit dem Gesang der Oberrealschüler ,,Brüder reicht die Hand zum Bunde«. Die hierauf folgenden Reden geben wir teils auszugsweise, teils ausführlich wieder.

Herr Geh. Oberschulrat Dr. Scheuermann-Darmstadt:

Jm Aufrage der obersteti Schulbehörde habe ich die Ehre, der ihr 50jähriges Jubiläum feieriideii Anstalt die herzlichsten Glückwünsche zu überbringen. Jch tue dies mit um so größerer Freude, als ich ja selbst die Ehre hatte, der hiesigen Realschule zwei Jahre lang als Direktor vorzustehen. Den hier an- wesenden Schülern aus jener Zeit herzliche Grüße zuvor, mit der Freude, sie wieder zu sehen nach so langer Zeit. Jn den verflossenen 50 Jahren hat die Realschule in Alsfeld stets große Fortschritte gemacht. Die Kriegsjahre von 1864, 1866 und 1870X71 und die darauffolgende Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches waren nicht ohne Einfluß auf die Anstalt. Der gewaltige Aufschwung auf dem Gebiete der Technik und der Naturivisfenschaft brachte auch unseren Anstalten neues Leben und regste Förderung Auch die hiesige Realschule ist, nachdem ihr seitens der Stadtverwaltung und der Regierung die Bahn hierzu geebnet wurde, zur Oberrealfchule herangewachsen, mit dem Recht, ihre Schüler bis an die Pforten der Hochschule zu führen. Zuerst in bescheidenen Räumen untergebracht, wurde dann der Schule ein stattlicher Neubau errichtet, in dem sie ihr volles Wirken entfalten kann. Wie im Schulhause und Schulbetriebe, so haben sich auch bei dem Lehrkörper dieser Anstalt große Veränderungen vollzogen. Sieben Direktoren haben an ihr gewirkt. Auch unter den Lehrern hat ein steter Wechsel stattgefunden. Nicht geändert im Laufe dieser