41
Die Julzeit. Bis jetzt wird noch in vielen Häuſern ein ſtarkes Stück Holz, Chriſtholz, bei den Gebetglockenſchlägen am Chriſtſonnabend in den Stubenofen ans Feuer gelegt und brennend erhalten bis zum Gebetläuten des erſten Chriſttagabends, alsdann ausgelöſcht und die Reſte aufbewahrt, um ſie gegen das Einſchlagen eines Gewitters durch Wiederanzünden zu gebrauchen(vgl. n. 27).— Zwiſchen 11 und 12 Uhr in der Chriſtnacht wird alles Waßer Wein.— Während des Taggeläutes am Morgen des erſten Weihnachtstages holen die Leute über fließendem Waßer*) ſogenanntes Chriſt⸗ waßer; die Reinigung damit ſoll ein Mittel gegen Krankheiten ſein, beſonders gegen Hautkrankheiten.— Auf Neujahrsmorgen unter dem Gebetläuten wird eine ſogen. Luſt von Stroh an die Bäume gelegt, von welchen man hofft, daß ſie ſicher das Jahr tragen**). Zu derſelben Zeit gab man dem Vieh von jeder Gattung Früchte etwas mit Salz vermengt(ſ. unten p. 45).— Schafeigentümer(vgl. n. 15) dulden nicht, daß von Chriſttag bis Neujahr in ihrem Hauſe geſponnen wird. Die Beſchäftigung mit Spinnen an dieſen Tagen ſoll die Urſache der Drehkrankheit der Schafe werden***). 1
Aſchermittwoch. Am Aſchermittwoch werden noch an vielen Orten nach dem Reinigen der Rind⸗ vieh⸗ und Pferdeſtälle an drei Stellen Vertiefungen ins Pflaſter gemacht und glühende Kohlen hinein gelegt, damit der Böſe und die Hexen dem Vieh nichts anhaben können. Die darauf folgenden beiden Mittwochen in der Faſtenzeit werden die Ställe noch mal gemiſtet und dann das ganze Jahr an dieſem Tage nicht wieder.— Auf Aſchermittwoch ſpinnt man ſich Ickern d. h. Kröten †) ins Haus, deshalb durfte da nicht geſponnen werden(vgl. n. 15). Jeder Landbeſitzer kochte an dieſem Tage Erbſen nebſt Rippenfleiſch. Die Rippenknochen wurden ſämtlich in ein Bündlein gebunden und in den für das Früh⸗
*) Die Wichtigkeit des fließenden Waßers beſtätigen folgende Gebräuche derſelben Gegend. Am erſten Oſtertag⸗Morgen gehen diejenigen, welche einen Hautausſchlag haben, an fließendes Waßer und waſchen ihren Körper damit. Auch wird am erſten Oſtertag Waßer in Flaſchen gefüllt und bei verſchiedenen Krankheiten angewandt; dieſes ſog. Oſter⸗ waßer ſoll ſich beſonders halten ohne faul zu werden(wie ſich Waßer von Merzſchnee immer klar erhält). Man darf nicht ungewaſchen bei das Vieh gehen. Wenn Weizen geſäet werden ſoll, ſo holen noch viele Leute fließendes Waßer; dreimal wird dem Waßer nachgeſchöpft, und das zum dritten Mal geſchöpfte wird über den Weizen gegoßen, um ihn gegen Krankheiten unempfänglich zu machen. Wie wichtig den Alten das fließende Waßer war, iſt bekannt.
**) Ich hörte in anderer Gegend ſagen, man müße in der Neujahrsnacht den Obſtbäumen zum neuen Jahr gratuliren;
dann trügen ſie. Schwartz ſagt p. 29:„wie das Wetter in den zwölf Tagen iſt, ſo wird es in den zwölf Monaten;
was man in den Zwölften träumt, trifft in den nächſten zwölf Monaten ein. Manches erſcheint auf das mit dieſer
Zeit zuſammenfallende Weihnachtsfeſt oder auf unſern Neujahrsanfang übertragen, ſo ſtellt man z. B. in der Weih⸗
nacht das Viehfutter vor die Thür, weil man meint das Vieh gedeihe dann, der umziehende Gott ſegnet es gleichſam
ein, oder man nimmt mit den Bäumen in der Neujahrsnacht allerhand vor, daß ſie im nächſten Jahr gut tragen
u. dergl. m.“
Die Drehkrankheit ſcheint mit dem Drehen des Spinnrades in Verbindung geſetzt zu ſein. Man vergleiche folgenden
Aberglauben derſelben Gegend: während des Brütens der Gans darf keine Weide in der Nähe des Neſtes gedreht
werden, weil ſonſt dem Gieſelchen im Ei der Kopf herum gedreht wird. Was an Sachen vorgenommen wird, wirkt
nach dem Volksglauben auf lebende Weſen ebenſo ein, als wenn es an ihnen geſchähe.
†)„Eine junge unerfahrne Hexe wird nicht alſogleich zu Mahl und Tanz gelaſſen, ſondern beiſeits geſtellt, um mit einem weißen Stecken Kröten zu hüten; auch daheim ziehen und halten ſie dieſes Thier“(J. Grimm p. 1025, vgl. das Küſſen der Kröte p. 921 u. 1020). Der Teufel zeichnet den Hexen eine Kröte in den Stern des linken Auges (derſ. p. 1028). Die Hausgeiſter erſcheinen als Katzen, Schlangen und Kröten(Simrock p. 485).
21*˙*8
—


