Aufsatz 
Orion der Jäger : ein Beitrag zur semitisch-indogermanischen, besonders zur deutschen Mythenforschung / von ... Suchier
Entstehung
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Die Sage, die ſonſt mit den Namen nicht eben gewiſſenhaft und haushälteriſch umgeht, hat ſich doch allem Anſchein nach bei der Angabe derer, die der kalydoniſche Eber tödtete, an alte Tradition gehalten. Abgeſehen von Ovid, der noch einen nicht weiter bekannten Enäſimus umkommen läßt, werden uns nur Hyleus und Ankäos genannt. Hyleus, von dem ſonſt nichts berichtet wird, ließe ſich dem Namen nach mit dem deutſchen Helljäger zuſammenſtellen. Dazu kommt folgendes. Hyllus war ein Rieſe in Lydien, und drei verſchiedene Söhne des Herakles führen dieſen Namen. Hyles, Hylonome und Kyllaros ſind Kentauren, die im Kampf mit den Lapithen ihren Tod finden ²*); Hyläus iſt ein Ken⸗ taur und ein Hund des Aktäon(ſ. unten). Hylas, der Geliebte des Herakles, wird auf der Jagd von Nymphen in einen Quell(das Meer) hinabgezogen; er wird in ſchwärmenden Zügen beklagt und geſucht, dreimal an der Quelle vom Prieſter gerufen. Deutlicher ergibt ſich der Bezug auf Orion bei Ankäos, deſſen Tod durch den kalydoniſchen Eber ein ſtehender Zug der Sage iſt(Preller), und dem vorzugs⸗ weiſe eine Streitaxrt gegeben wird. Ein anderer Mythus erzählt nämlich von einem Ankäos auf Samos: Er hatte Reben angepflanzt, aber ein Seher weisſagte ihm, er werde keinen Wein davon trinken; als er nun ſchon den vollen Becher in der Hand hielt, lachte er des Sehers; dieſer aber antwortete:Viel iſt zwiſchen dem Becher und zwiſchen dem Rande der Lippen. Indes entſtand ein Geſchrei, daß ein Eber in der Nähe ſei; Ankäos ſetzte den Becher nieder, zog gegen den Eber und wurde von dieſem getödtet. Wir haben hier wieder die ſicher eintreffende Weisſagung und den Tod durch den Eber ²*). Auch Eury⸗ tion, der bei der kalydoniſchen Jagd durch einen Fehlwurf des Peleus getödtet wird, läßt ſich noch als eine der zahlreichen Geſtalten erkennen, welche die geſchäftige Phantaſie der Griechen aus dem Orion

(Leichenvögel) gedacht, deren Erſcheinen den Tod ankündigt. Hierher gehört die Tutoſel, die bei Lebzeiten eine Nonne geweſen ſein ſoll, die mit ihrer heulenden Stimme den Chorgeſang ſtörte, nach dem Tode ſich dem Hackelberg geſellte und ihr Uhu mit ſeinem Huhu vermiſchte. Wie Meleager wird Phaethon von ſeinen Schweſtern, Memnon und Dio⸗ medes von den Gefährten, die auch in Vögel verwandelt werden, maßlos betrauert; auch die Ismeniden bei Ovid Met. IV, 542 ff. gehören hierher. Beſonders beachtenswert iſt, was von den Hyaden erzählt wird: ſie ſeien unter die Sterne verſetzt zum Lohn der Pietät, womit ſie ihren Bruder Hyas beweinten, den in Libyen ein Eber oder ein Löwe oder eine Schlange getödtet hatte. Die drei webenden Töchter des Minyas werden in eine Fledermaus, Eule und einen Uhu verwandelt. Nicht zu überſehen iſt die im Altertum weitverbreitete Sitte der Klageweiber, worin auch die bakchiſchen Orgien ihre Erklärung finden.

28) A. v. Gutſchmid ſagt in ſeiner Recenſion von Dunckers Geſchichte des Altertums(Jahrb. für Philol. Dec. 1856 p. 12):Das Mahabharata, der troiſche Krieg mit den Noſten und das Ende der Burgunden am Hofe Etzels ſind bloße Variationen eines und desſelben Themas; die Keime dieſer Epen reichen in die Zeit hinauf, wo die indogermaniſchen Völker noch ungetrennt beieinander wohnten. Eine Anſicht, die ich vollkommen theile, und der ich vornehmlich die Anregung zu dieſen Unterſuchungen verdanke. Den Keim zu den Epen ſehe ich in der alten Volksſage von gewaltigen Kämpfen am Himmel, worin Orion die Hauptrolle ſpielt, und dazu gehört meines Erachtens auch der Kampf der Kentauren und Lapithen, worin Käneus die Stelle des Achilles und Sigfrid hat. Den Gigantenkampf rechne ich ebenfalls dahin. Genaueres Eingehen muß leider hier unterbleiben.

29) Ganz ähnlich iſt, was Servius zu Virgils Eel. 6, 72 erzählt, nur daß der Eber fehlt:Ein Weisſager ſah den Kalchas im Haine des Apollon bei Grynoi Reben pflanzen und weisſagte, er werde von dem Wein nicht trinken. Als der Wein gekeltert war, lud Kalchas unter anderen Gäſten jenen Wahrſager ein, der ſeine Weisſagung wiederholte, als Kalchas ſchon den Becher in Händen hielt. Kalchas geriet darüber ſo ins Lachen, daß er erſtickte. Nach anderer Angabe ſtarb Kalchas vor Gram, weil ihn Mopſus im Weisſagen ubertraf, indem er die Zahl der Jungen, die eine Sau gebären werde, genau angab. S. außerdem u. 4.