Aufsatz 
Orion der Jäger : ein Beitrag zur semitisch-indogermanischen, besonders zur deutschen Mythenforschung / von ... Suchier
Entstehung
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iſt nichts, was auf ſolche Vorſtellung hindeutete. Eher möchte ſich dort eine andere Annahme empfehlen, wozu Schwartz p. 20 und 28 geneigt ſcheint, daß nämlich der eine Stamm da einen Gott ſah, wo der andere eine Göttin, daß jenem männliche, dieſer weibliche Weſen beigegeben wurden, und erſt im Laufe der Zeit eine Vermengung eintrat. Doch auch ſo bleiben viele Schwierigkeiten, deren Löſung abzuwarten iſt.

Den vorhin in den Vordergrund geſtellten Hakelberg finden wir im Süden an mehreren Stellen wieder, in ganz anderer Haltung, aber doch an einem charakteriſtiſchen Zuge noch zu erkennen. Dieſer Zug iſt der oben erwähnte unerwartete Tod durch den Eberzahn. Zunächſt gehört hierher der bekannte phrygiſche Attis. Pauſanias VII, 17, 5 erzählt nach Hermeſianax:Atys war ein Sohn des Phry⸗ gers Kalaos und von Natur unfähig zur Fortpflanzung(eine andere Wendung der Sage, daß er ſich ſelbſt entmannte). Als er herangewachſen war, gieng er nach Lydien, führte dort den Dienſt der Kybele ein und ward dafür von der Göttin ſo hochgehalten, daß Zeus darüber zürnend einen Eber in die Fluren der Lyder ſandte, der viele Einwohner und auch den Atys tödtete. Deutlicher ſpricht die Erzählung bei Herodot I, 34 43, wo der alte Mythus an eine halbhiſtoriſche Perſon angeknüpft iſt ganz ſo, wie un⸗ ſere Vorfahren zu thun pflegten. Kröſus träumte, er werde ſeinen Sohn Atys durch den Wurf eines eiſernen Speers verlieren; Atys zog mit aus zur Jagd auf einen gewaltigen Eber; Adraſtus, der aus Verſehen ſeinen eigenen Bruder ermordet und bei Kröſus Aufnahme gefunden hatte, fehlte mit ſeinem Speer den Eber und durchbohrte damit den Atys. Ein unverkennbarer Stammesgenoße des deutſchen Mythus vom Hakelberg, worin der Eberzahn als Speer erſcheint, der Traum vom Jäger auf den Vater übergegangen iſt.

In anderer Verſchiebung begegnet uns derſelbe Mythus an ganz entlegenem Orte, nämlich in der Sage von der kalydoniſchen Jagd, die nichts Anderes iſt als die zum Nationalunternehmen gewordene wilde Jagd. Meleager erlegt den Eber, findet aber bald nachher ſeinen Tod. Bei Ovid ſtellt er den Fuß auf den Kopf des erlegten Ebers, was aber wol nur auf Rechnung Ovids zu ſetzen iſt. Der alte Zug, daß der Eber ſelbſt den Helden tödtet, daß ſein Tod den des Jägers unfehlbar nach ſich zieht, blickt hier noch durch in dem wegen des Ebers verübten Morde, die Weisſagung des unvermeidlichen Todes in der von den Parcen getroffenen Beſtimmung ²⁷).

27) Eine nordiſche Mythe erzählt(J. Grimm p. 380):Einſt kamen die drei Nornen zu Nornageſts Vater, das Kind lag in der Wiege, über ihm brannten zwei Kerzen Nachdem die zwei erſten Weiber es begabt und ihm Glückſeligkeit voor andern ſeines Geſchlechts verſichert hatten, erhob ſich zornig die jüngſte Norn, die man im Gedränge von ihrem Sitz geworfen hatte, daß ſie zur Erde gefallen war, und rief:Ich ſchaffe, daß das Kind nicht länger leben ſoll, als die neben ihm angezündete Kerze brennt. Schnell griff die älteſte nach der Kerze, löſchte und gab ſie der Mutter ver⸗ mahnend, ſie nicht eher wieder anzuſtecken, als an des Kindes letztem Lebenstag, welches davon den Namen Nornen⸗ gaſt empfieng. Auch noch in einem anderen Puncte berührt ſich die griechiſche mit der deutſchen Sage. Meleagers Schweſtern beweinen ſeinen Tod unaufhörlich, bis ſie Artemis in Vögel, Meleagriden, verwandelt, und auch ſo trauern ſie zu einer beſtimmten Zeit des Jahres um den Bruder. So weint Freyja um Odhr, und Holda ſoll in den Frau⸗Hollen⸗Stein bei Fulda, worin man Furchen ſieht, ſo bittere Thränen um ihren Mann geweint haben, daß der harte Stein davon erweichte. Bei Pröhle Kinder⸗ uud Volksmärchen beruft ſich Frau Holle darauf, daß ſie ein Recht habe am Frau⸗Hollen⸗Abend im weißen Gewand zu ſitzen und zu heulen. Simrock ſetzt hinzu P. 416: Dieſe weinende Holla vervielfältigt ſich in den Klagefrauen, Klagemüttern, geſpenſtiſchen aber fliegenden Weſen, deren Stimme im Walde flüſternd vernommen wird. Die Klagemütter werden wohl auch als Vögel, unmenlich als Eulen