Aufsatz 
Orion der Jäger : ein Beitrag zur semitisch-indogermanischen, besonders zur deutschen Mythenforschung / von ... Suchier
Entstehung
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vorzugsweiſe an ihm haften blieb. Wir gehen dabei von Deutſchland aus, weil hier der Naturzuſtand am längſten unangetaſtet währte und die uralte Tradition, von Bildung und Literatur unbeirrt, ſelbſt vom Chriſtentum wenig geſtört, im Munde des Volks bis auf unſere Zeit ſich erhielt ³).

Jagd und Krieg waren die Lieblingsbeſchäftigung unſerer Vorfahren, wie wir bei allen rohen Völ⸗ kern, wo Einfachheit der Bedürfniſſe und naturgemäße Lebensweiſe Derbheit, Gewandtheit und trotzige Kraft ausbildet, ſolche Neigung zu furchtloſem Kampfe finden. Worauf die Gedanken eines Volks über⸗ wiegend gerichtet ſind, davon erzählt und dichtet es. Hirtenſtämme bezogen alles auf ihre Heerden, ſahen am Himmel Schafe, Kühe, Wölfe, Löwen, Bären, gaben ihren Göttern Thiergeſtalt, verehrten Heerden⸗ beſchützer und brachten ihnen blutige Opfer; ackerbautreibende Stämme ſahen am Himmel einen Wagen, Fuhrmann, eine Jungfrau mit Ahren, einen Pflug), verehrten agrariſche Mächte, erflehten Thau und Regen und brachten Erſtlinge der Feldfrüchte als Opfer; ſeefahrende Nationen erzählten Schiffermährchen, ſchufen Windgötter und bevölkerten das Meer mit allerlei Weſen*). Was war natürlicher, als daß die

5) Meine Abſicht war in dieſem Programm nach Orion dem Jäger noch Orion den Kriegsgott, der eng damit zuſammen⸗ hängt, und den daraus hervorgegangenen Helden in den verſchiedenen Heldenſagen zu behandeln. Aber trotz des Strebens nach möglichſter Kürze mußte ich es bei Orion dem Jäger bewenden laßen, und ſelbſt hier mußte ich mich, ſollte nicht auch der Jäger ein Stückwerk bleiben, auf das Notwendigſte beſchränken. Ich konnte nur Umriße geben, wo ich gern ausgemalt hätte. Die verſchiedenen Eigenſchaften des Gottes, die ſich vielfach in einander weben und auf der anderen Seite zu ganz verſchiedenen Gottheiten auseinander gehen, ja ſelbſt einzelne Mythen wie die von Herakles, in dem ſchon Movers Orion ſah, verlangen jede eine Abhandlung für ſich. Denkende Leſer, die zuſammen zu reimen und von altherkömmlichen Vorurteilen abzuſehen verſtehen, werden auch ſo Anhaltspuncte genug finden, um weitere Schlüße darauf zu bauen. Mich ſelbſt, geſtehe ich, hat die genauere Forſchung erſt von manchem Vorurteil geheilt, beſonders von dem, daß ich wähnte, die deutſche Mythologie ſtände unabhängig von der griechiſchen und ſemitiſchen. Wer mir aber einwenden wollte, ich hätte zu vielerlei vereinigt, dem wende ich ein: je weiter wir in der Vorzeit zurückgehen unter Vergleichung der Naturreligionen in hiſtoriſcher Zeit, deſto mehr ſtellt ſich ein Dualismus, ja ein gewiſſer Monotheismus heraus. Die vielen ägyptiſchen, griechiſchen, deutſchen u. a. Götter ſind nur Auswüchſe Eines Stamms. Man gehe die griechiſchen Völkerſchaften durch: jede hatte eine Hauptgottheit. Daß es nur ver⸗ ſchiedene Namen derſelben Weſen waren, zeigt vor allem unſer Deutſchland, wo keine Dichter und Philoſophen durch künſtliches Syſtem die Volksreligion beeinträchtigten. Uberhaupt aber war die Volksreligion, ſelbſt bei den Griechen, nicht die von den Schriftſtellern gelehrte. Aus Pauſanias iſt ſie zu lernen, nicht aus Heſiod.

6) Orion heißt in rheiniſchen Gegenden der Rechen, althochdeutſche Gloſſen nennen ihn den Pflug, Lithauer und Slaven fanden darin Senſen, und die drei Sterne des Gürtels heißen in Oberdeutſchland die drei Mader. Den Schotten war er ein Wagen. S. J. Grimm Myth. p. 689 f. Daß dieſe Stämme von jeher Ackerbau trieben, iſt daraus keines⸗ wegs zu ſchließen, vielmehr, daß ſolche Benennungen ſpätere ſind. Auffallend iſt aber der auch hier ſichtliche Unter⸗ ſchied zwiſchen Nord⸗ und Süddeutſchland; denn die Sage vom wilden Jäger iſt in Niederdeutſchland recht einheimiſch, während ſie in Oberdeutſchland zurücktritt.

7) Der nicht genug beachtete Einfluß der vorwiegenden Thätigkeit auf die Religion und die Sagen, woraus ſich die Mannigfaltigkeit der griechiſchen Mythen und die Vielſeitigkeit der griechiſchen Götter erklärt, läßt ſich leicht noch wei⸗ ter verfolgen. Wo Spinnen und Weben eine wichtige Beſchäftigung war, da erhielten die Göttinnen eine Spindel; Erzbehandlung führte zum Hephäſtosdienſte; Apollo wurde zum Gott der muſiſchen Künſte, als Tonkunſt und Geſang Pflege fanden. Jede neu aufkommende Richtung wurde unter göttliche Obhut geſtellt, aber man ſchuf keine neuen Götter, ſondern die längſt beſtehenden wurden imit neuer Eigenſchaft begabt. Dieß wird ſelbſt von Poſeidon anzu⸗

nehmen ſein.