6
Strahlen der Sonne ausſetze, ging Orion, dem Schalle der hämmernden Kyklopen folgend, nach Lem⸗ nos, wo er von Hephäſtos den Kedalion zum Führer erhielt. Als er darauf das Geſicht wieder erhalten hatte, und zur Rache nach Chios zurückkehrte, fand er den von den Seinigen unter der Erde verborge⸗ nen Onopion nicht, und ging deßhalb nach Kreta, wo er mit der Artemis jagte“(Jacobi). Die Sage faßt die Jahresgeſchichte des Orion zuſammen. Er iſt zuerſt, im Winter, der rüſtige kühne Jäger. Im Frühling ſteht er immer kürzere Zeit im Weſten, nicht mehr aufrecht, ſondern nach vorn gebückt(daher bei Horaz Od. I, 28, 21 devexus und III, 27, 18 pronus); der Mythus nennt ihn trunken, und ſein raſches Untergehen am Abend wird zum Schlummer. Bald iſt er gar nicht mehr ſichtbar; den Verluſt des Lichtes nennt die Sage Blindheit. Er iſt bei der feurigen Sonne, darum ſeine Verbindung mit dem Feuergotte wie bei Nimrod. Kedalion überſetzt Preller Feuerbrand. Dann wird er im Oſten frühmorgens wieder geſehen, er hat ſein Geſicht wieder, und in den Herbſtnächten herſcht er wieder als Jäger am Himmel. Bei Onopion, der den Orion blendet und zur Zeit ſeines Wiedererſcheinens unter der Erde iſt, werden wir an die Sonne zu denken haben ⁴).
Die andere Sage, die von Nikander und Korinna behandelt war, erzählt Antoninus Liberalis 25: „Nachdem Artemis den Orion getödtet, wurden deſſen Töchter, Metioche und Menippe, von der Mutter erzogen. Athene lehrte ihnen die Webkunſt, Aphrodite begabte ſie mit Schönheit. Als nun eine Peſt über ganz Aonien kam, ſchickte man zu dem Orakel des gortyniſchen Apollo, und dieſes gab die Antwort, man ſolle die unterirdiſchen Mächte durch das Opfer zweier Jungfrauen, die ſich freiwillig dem Tode böten, verſöhnen. Hierzu erboten ſich Menippe und Metioche, riefen dreimal die Unterirdiſchen an und tödteten ſich mit dem Webkamm. Perſephone und Hades ließen ihre Körper verſchwinden und an ihrer Stelle Sterne hervorgehen, die an den Himmel geſetzt und von den Menſchen Kometen genannt wurden. Die Aonen errichteten ihnen in Orchomenos ein Heiligtum, wo ihnen jährlich durch Jünglinge und Jungfrauen Sühnopfer gebracht wurden. Die Aoler nennen ſie Koroniden.“ Ovid. Met. XIII, 685 ff. läßt aus der Aſche der Töchter Orions zwei Jünglinge, Coronen genannt, aufleben, eine Angabe, die gleich manchen anderen bei ihm auf Misverſtand oder Willkür beruhen mag. Dasſelbe wird von den oben genannten Kometen zu halten ſein(vielleicht nur eine falſche Lesart), und die Namen Metioche und Menippe ſind ſchwerlich alt. Die böotiſche Sage finden wir auch in Attika. Der Athener Leos opferte zur Rettung des Vaterlandes ſeine drei Töchter, die dann ein Heiligtum erhielten, das Leokorion. Ebenſo opferten Hyakinthos und Erechtheus ihre vier oder ſechs Töchter zur Zeit einer Hungersnot und Peſt oder in Kriegs⸗ gefahr. Die rettenden und dankbar verehrten Jungfrauen ſind die Hyaden, die als das Regengeſtirn gal⸗
4) Onopion iſt aber darum noch kein Sonnengott, ſondern die Sage, die den alten Zug der Blendung in neuen Zu⸗ ſammenhang brachte, verwendete ihn an der Stelle des Sonnengottes. Er iſt vielmehr ein Heros von Chios, wahr⸗ ſcheinlich der zum Vorſteher des Weinbaus gewordene Orion ſelbſt. Bei Servius zur Än. I, 539 heißt er Vater des Orion, bei Anderen Sohn des Dionyſus(auch Bruder des Traubenmannes Staphylos), der ihn im Weinbau unter⸗ wies. Orion gibt mit dem Sirius bei Heſiod 29„. 609 das Zeichen zur Weinleſe. Daß man dem Geſtirn, welches die große Hitze brachte, Beziehung zum Wein gab, iſt an ſich einleuchtend und wird durch andere Mythen beſtätigt, namentlich durch den Hund Mära im Ikariusmythus. Sämtliche Mächte des Weins gehören zum Mythenkreiſe des Orion, was hier nur als Theſis ausgeſprochen werden kann. Eine Analogie zu Onopions Verbergung unter der Erde gibt Apollodor 1, 4, 3 in der Erzählung, Side, Orions Gemahlin, ſei von Hera in die Unterwelt verbannt, weil ſie ſchöner ſein wollte. Auch dieß erklärt ſich am einfachſten vom Verſchwinden eines Geſtirns. Sita, die Gattin des indiſchen Rama(Duncker Geſch. des Alt. II, P. 48 f. 1. Aufl.), ließe ſich damit vergleichen.


