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Die fortſchreitende Erweiterung des Geſichtskreiſes ſetzte allgemeinere Mächte an die Stelle der ſide⸗ riſchen oder ſchuf dieſe in ſolche um, die ältere ſinnliche Vorſtellung aber, die in den Sternen ſelbſtthätige höhere Weſen erblickte, ließ noch verſchiedene Spuren zurück. So die Annahme, daß der Himmel der eigentliche Götteraufenthalt ſei, die homeriſche Angabe, Okeanos ſei der Urſprung der Götter, die Be⸗ deutung, welche die Mythologie einer Verſetzung unter die Sterne beimißt, die mehrfach übliche Sitte des nächtlichen Fackellaufs, die den Dioskuren beigegebenen Sterue, vor allem die Thatſache, daß das Volk die Seele Cäſars in einem Kometen, der ſich nach deſſen Tode zeigte, zu erkennen glaubte. Wie das Volk dachte, das beweiſt am deutlichſten der Umſtand, daß man noch zu Juvenals Zeit dem verfinſterten Monde durch lautes Getöſe zu helfen wähnte, grade ſo wie die Peruaner, Mongolen, Grönländer und die afrikaniſchen Mauren ²).
Unter allen Geſtirnen des Fixſternhimmels fällt keins ſo in die Augen, wie das des Orion. Es iſt das glanzreichſte, ſchönſte und großartigſte. Das ungewöhnliche Zuſammenſtehen von ſo vielen Sternen erſter und zweiter Größe, Sirius und Prokyon hinzugerechnet, fällt um ſo mehr auf, weil darunter und zur Seite faſt ein leerer Raum iſt und der dunkle Hintergrund das Licht erſt recht hervorhebt. Nament⸗ lich ſind die drei gleich hellen Sterne, die den ſogenannten Gürtel bilden, eine höchſt überraſchende Er⸗ ſcheinung. Der nahſtehende Sirius i*ſt der hellſte aller Fixſterne. Dazu kommt die auffallende Geſtalt. Während bei anderen Sternbildern viel Phantaſie dazu gehört, die von den Alten angenommene Geſtalt wiederzufinden, ſtellt ſich Orion, wenn er in voller Größe aufgerichtet daſteht, ungeſucht als ein menſchen⸗ ähnliches Gebilde dar, als ein Recke in drohender kampfbereiter Haltung. Eine Reihe kleiner Sterne, die ihm vorausgeht, macht ganz den Eindruck eines vorgehaltenen Schwertes oder, wenn man die oberſten allein nimmt, den eines geſpannten Bogens. Vertieft man ſich recht ins Anſchauen und verſucht man den unmittelbaren Eindruck, den die Vorzeit hatte, wiederzuerlangen, ſo hat die Erſcheinung etwas Ueberwäl⸗ tigendes, Unheimliches. Es konnte daher nicht anders ſein: das Ausſehen des Geſtirns allein ſchon mußte das Gemüt tief ergreifen und die Phantaſie mächtig entzünden, deſto mehr, je weiter wir zurückdenken. Jagdtreibende Stämme ſahen darin einen gewaltigen Jäger, kriegeriſche Stämme einen ſtreitbaren Helden, der ihr Vorbild, ihr Kriegsgott, wurde. Dazu kam die kalendariſche Bedeutung des Geſtirns. Wenn es im Juli zuerſt wieder im Oſten ſichtbar wird, kurz vor Sonnenaufgang, beginnt die Zeit der größten Hitze, die ſogenannten Hundstage. Sirius„der große Hund des Jägers, ſteht dann der Sonne nah,
1) S. J. Grimm Mythol. p. 669 f. Derſelbe ſagt p. 661:„Nicht nur iſt die Wohnung der Götter und der ihnen näher ſtehenden Geiſter im Himmel, und ſie vermengen ſich mit den Sternen, ſondern auch irdiſche Weſen, nach ihrer Auflö⸗ ſung, werden dahin erhoben, ausgezeichnete Helden und Rieſen leuchten als Geſtirne. Vom Himmel ſteigen die Götter herab zur Erde nieder, am Himmel fahren ſie her, und durch den Himmel beſchauen ſie unſichtbar das Treiben der Menſchen. Wie ſich alle Pflanzen nach dem himnliſchen Licht kehren, alle Seelen zum Himmel wenden, ſo ſteigt der Rauch des Opfers und das Gebet der Menſchen in die Höhe.“ Nach dem Volksglauben ſoll man nicht mit dem Finger an die Sterne deuten, um nicht den Engeln ins Auge zu greifen(daſ. P. 133). Es iſt fromme Gewohnheit Abends beim Schlafengehen die leuchtenden Geſtirne zu grüßen(daſ. p. 684, wol als Mächte, die den Schlaf behüten). Flie⸗ gende Sterne gelten den Grönländern wie den Mongolen für Seelen(daſ. p. 869, ſ. auch p. 685). Bekannt iſt die Wichtigkeit, welche Kometen und Mondfinſterniſſen beigelegt wurde. Bei Virgil Aen. II, 693 ff. iſt ein fallender Stern dem Anchiſes günſtiges Zeichen und Wegweiſer; die Sterne werden daſ. V. 154 als non violabile numen ange⸗ rufen; vgl. III, 599 und 1X, 429. 1⸗


