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Bei uns wird in den Schulen gelernt, daß die Sterne Weltkörper ſind in endloſer Entfernung, daß die Erde und nicht der Himmel ſich dreht, daß das, was ein Gewölbe erſcheint, ein unbegrenzter Wel⸗ tenraum iſt. Noch jetzt, wo die wißenſchaftlichen Ergebniſſe unbezweifelt feſtſtehen und Gemeingut gewor⸗ den ſind, möchte es der Mehrzahl ſchwer fallen den hohen Gedanken ganz zu faßen, der die Schlingen, die den Menſchen in ſeiner Kleinheit halten, abſtreift und die Grenzen, die ſeinen getäuſchten Sinnen ge⸗ ſetzt ſind, berſpringt, um fern der Erde einen freien Standort zu gewinnen, von wo er mit dem geiſtigen Auge umherſchaut und alles anders erblickt als er gewohnt war, das Große klein, das Vielfache eins, das Ruhende bewegt. Wie hätte es das Altertum vermocht? Seine kühnſten Denker ahnten wol einen Theil der Wahrheit, die große Menge war unvermögend ſich über den Augenſchein zu erheben. Was dieſer zeigte, das konnte der in nächſter Umgebung befangene Naturmenſch nicht anders als nach irdiſchem Vorbilde ſich denken. Die Sonne fuhr für ihn mit feurigen Roſſen in der Höhe, oder ſie ſchwebte mit Flügeln, ſie war ein Auge oder ein Schild(Jakob Grimm deutſche Mythologie 2. Aufl. p. 665); der Himmel war ihm eine Feſte, vom Meer oder von Bergen geſtützt, oder ſelbſt ein Berg; die Sterne er⸗ ſchienen ihm als ein Labyrinth mit zahlloſen Wegen oder als goldſchürfende Zwerge in einem hohlen Berge, in ihrem Verſchwinden ſah er Sterben, in ihrem großen Zuge Kampf, Jagen und Verfolgen; die Milchſtraße nahm er für einen Weg, eine Brücke, eine Schlange oder einen grauen Mantel, den Mond für eine weiße Kuh oder eine kriegeriſche Jungfrau mit goldenem Schilde oder Panzer, die Mondſichel für einen goldenen Helm oder einen goldenen Bogen. Je wunderbarer die Wahrnehmungen am Himmel waren, um ſo mehr mußten ſie die Aufmerkſamkeit feßeln und die Phantaſie zu Erklärungsverſuchen anregen.
Das Wunderbare regt aber nicht bloß die Phantaſie an, ſondern auch das religiöſe Gefühl. Noch jetzt verſetzt der Anblick des geſtirnten Himmels jedes Gemüt, das tieferer Eindrücke fähig iſt, in feierliche Stimmung: wie viel mehr mußte in der Vorzeit, wo das alles unbegreifliche Dinge waren, andächtige Scheu dadurch geweckt werden! Je beſchränkter ſein Standpunct, je weniger ſeine religiöſen Vorſtellungen ausgebildet waren, deſto mehr mußte dem Menſchen in der Stille der Nacht ſeine Hilfloſigkeit und ſeine Abhängigkeit von höherer Gewalt fühlbar werden. Man verſetze ſich nur in die Zeit, wo es noch kein Oel gab. Die höheren Weſen, die über ihm walteten, welche konnten es anders ſein als die im Dunkel leuchtenden Sterne? Sie wachten, wo alles ſchlief, ſie lebten, wo alles todt war. Derſelbe gläubige Sinn, der Licht und Feuer als die wohlthätigſten Elemente heilig hielt, mußte auch die nächtlichen Lichter verehren, zumal in den ſüdlichen Ländern, wo nicht bloß der Himmel heiterer und der Glanz der Sterne heller iſt, ſondern ihr Erſcheinen zugleich die Zeit der Erquickung bringt. An die Sterne knüpfte ſich das religiöſe Gefühl mit Hoffnung, Befürchtung, Dankbarkeit. Alles, was in die Erſcheinungswelt der Erd⸗ fläche wirkſam eingriff, bald belebend, bald zerſtörend, ſah man von oben kommen, Licht, Wärme, Regen, Wind und Blitz; fortgeſetzte Beobachtung lehrte, daß wichtige Vorgänge in der Natur mit dem Erſchei⸗ nen einzelner Geſtirne gleichzeitig eintraten; kein Wunder, wenn die Einfalt der Vorzeit dieſen thätige Mitwirkung zuſchrieb und ſie als die Mächte erkannte, deren Gunſt von großem Werte ſei. Der Einfluß, welchen der nächtliche Himmel in religiöſer Beziehung übte, gieng noch weiter; das nach dem fröhlichen Tageslichte eintretende Dunkel, worin alles Leben erſtorben ſcheint, führte auf die Vorſtellung von einem Todtenreiche, und in den Sternen ſah man fortlebende Seelen; von den Sternen lernte man ein ewiges Leben.


