Aufsatz 
a) Schule und Schulhygiene. b) Neuere Ermüdungsmessungen mit dem Aesthesiometer
Entstehung
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Dr. Th. Heller(Anstaltsleiter in Wien, Ermüdungsmessungen, Wiener medi- zinische Presse, 18900, Nr. 11, 12, 13) machte Messungen an schwachsinnigen Schul- kindern. Heller hebt hervor, dass man unterscheiden müsse zwischen Ermüdungs- gefühl und Ermüdungszustand; gleichzeitig kann letzterer vorhanden sein und ersteres fehlen. Geistige und körperliche Ermüdung als wesentlich verschieden anzusehen, sei unberechtigt, denn körperliche Ermüdung verringert die geistige Leistungsfähigkeit und geistige Ermüdung die körperliche Leistungsfähigkeit. Sonst könnte man, wie Kräpelin treffend bemerkt, durch entsprechenden Wechsel von geistiger und körper- licher Tätigkeit in infinitum fortarbeiten. Erholung erfolgt am meisten durch geistige und körperliche Ruhe, vor Allem also durch Schlaf. Ueberbürdung tritt ein, wenn die Erholung nicht ausreicht, die Ermüdung zu beseitigen.

Obwohl das bei den Versuchen erforderliche Urteil der Kinder, ob eine oder zwei Spitzen empfunden werden, ein sehr einfaches ist, wurde doch durch Vor- versuche die Gewissheit verschafft, dass das Urteil richtig erfolgte; zu diesem Zweck wurden unregelmässig wechselnd, unter Ausschluss des Sehens, Berührungen mit einer oder zwei genügend weit entfernten Spitzen vorgenommen, und die Kinder befragt, wieviel Spitzen gefühlt würden. Erst nach dieser Vorprobe, die übrigens auch bei nicht schwachsinnigen Kindern sehr empfehlenswert sein dürfte, wurden die Messungen gemacht. Sie wurden an der hinteren Jochbeingegend angestellt, mit grosser Distanz beginnend, die dann stetig verkleinert wurde, bis die Raumschwelle erreicht war. Untersucht wurden zunächst 6 Knaben, deren Angaben sich in den Vorversuchen als zuverlässig erwiesen hatten und die zu den besten Schülern der Anstalt gehörten. Der Unterricht erfolgte von 811 und 24 Uhr; gemessen wurde zu Beginn des Unterrichts und nach jeder Stunde. Der Vormittagsunterricht ergab im allgemeinen hochgradige Ermüdung, die auch nach 3 Stunden(11 2 Uhr) nicht ausgeglichen war und um 4 Uhr sich noch vergrössert zeigte. Ein freier Nachmittag bloss an jedem dritten Schultag bewirkt nach Hellers Wahrnehmungen keine ausreichende Erholung, denn am Donnerstag Vormittag zeigte die Hälfte der untersuchten Schüler vergrösserte Raumschwellen. Von den Unterrichtsgegenständen wirkte Rechnen besonders ermüdend.

Zu Beginn des Nachmittagsunterrichts war kein einziger Schüler ganz erholt; unter den Nachmittagsstunden zeigte auch Schönschreiben ermüdende Wirkung. Auf- fallende Ermüdungswirkung des Nachmittagsunterrichtes beobachtete Heller auch bei späteren Versuchsreihen. Die hohen Ermüdungszahlen bezieht ieller mit Recht auch auf die Länge der Unterrichtseinheiten; selbst befähigte Schüler können nicht länger als eine halbe Stunde einem ÜUnterrichtsgegenstand mit Aufmerksamkeit folgen. Heller schlägt vor, zunächst die besonders anstrengende Rechenstunde in zwei halbe Stunden mit längerer Zwischenpause zu teilen und die zwei Hlalbstunden für mündliches bezw. schriftliches Rechnen zu verwenden, ein Vorschlag, der für kleine Schüler überhaupt sehr angebracht sein dürfte. Körperliche Anstrengung nach geistiger Arbeit wirkte sehr ermüdend, besonders das Geräteturnen, das in Ermüdungswirkung sogar den Rechenunterricht häufig übertraf.

Dr. med. A. Baur, Seminararzt in Schwäb.-Gmünd, hebt in seiner Abhandlung(die Ermüdung der Schüler in neuem Lichte, Berlin 1902, Gerdes und Hlödel) hervor, dass wie bei dem Tastsinn, so auch bei Gehörs- und Gesichtssinn Abnahme durch Ermüdung wahr- scheinlich sei. Baur untersuchte Zöglinge des Schullehrerseminars und der Präparanden- anstalt zu Schwäb.-Gmünd, die im Examen standen und auch nach Aussage ihrer Lehrer z. T. überbürdet waren. Das Fautgefühl wurde ästhesiometrisch nach Griesbach gemessen,