Begründung. Er meint nämlich, ein übertrieben hoher Einheitspreis liesse sich nicht aufrecht erhalten, auch wenn ihn die englischen Kaufleute und selbst die Regie- rung diktierten. Denn es würde immer ringfreie Kauf- leute geben, oder die Monopolpreise würden durch den Schmuggel durchbrochen werden!
Mit der Frage des Preises der Kolonialwaren ist eine Frage angeschnitten, die auch dem friedlichsten deutschen Pfahlbürger Interesse an der grossen Politik einflössen mochte. Von eben solcher Bedeutung für die weitesten Kreise ist die Konkurrenz der englischen Industrie. Denn nach jeder Messe kehren in den Zeitungen die Klagen wieder, dass die engl. Erzeugnisse infolge ihrer Güte und Wohl- feilheit die deutschen aus dem Feld schlagen. Der Not- stand der Fabriken und Arbeiter wird als unerträglich bezeichnet, und von den Regierungen werden Schutz- massregeln gefordert, wenn nicht ein allgemeiner wirt- schaftlicher Ruin folgen soll; daneben empfiehlt man Verbesserung der Herstellungsarten, insbesondere Einfüh- rung der Maschinen nach englischem Muster. Auch Aus- fuhrverbote für Wolle und Getreide hält man für nötig; denn in Sachsen mussten viele Webstühle stillstehen, weil die Engländer alle Wolle aufkauften, und in Mecklen- burg war es 1800 zu einem richtigen Aufruhr gekom- men, weil das Getreide nach England ausgeführt wurde ohne Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse des eigenen Landes. 37
Um diesen Beschwerden zu entgegnen, stützt sich Gentz auf freihändlerische, ja weltbürgerliche Ideen. Denn er ist noch so viel Kind seiner Zeit, dass er bei seinen politischen Betrachtungen keineswegs vom natio- nalen Standpunkt ausgeht; wie er all seine Ausführungen als„wahrhaft“ kosmopolitisch hinzustellen liebt, so lässt er hier das Interesse Europas, den Vorteil der Mehrzahl der Menschen in den Vordergrund treten. Wenn der englische Kaufmann mit seinen Fabrikaten den Markt beherrscht, so liegt das an der Ueberlegenheit der bri- tischen Industrie und an der Rückständigkeit des Fest- landes. Dagegen Schutz der heimischen Produktion zu fordern widerspricht seinen freihändlerischen Maximen. Er kann den deutschen Fabrikanten nur den Rat geben, alles anzustrengen, was in ihren Kräften liegt, um kon- kurrenzfähig zu werden. So lange England aber noch die billigsten und besten Waren liefert, ist es der Vor- teil der„ganzen bürgerlichen Gesellschaft“, bei ihm zu kaufen. Den deutschen Denkern und Dichtern, die wie Herder über die englischen Gevatter Tuchhändler und Leinwandkrämer die Nase rümpfen, hinterher aber über Grossbritanniens Konkurrenz und seinen politischen Ein- fluss auf der ganzen Erde schreien, stellt Gentz die Vettern jenseils des Kanals als Vorbilder hin. Sie über- liefern„den kommenden Geschlechtern anstatt eines un- sicheren Anspruchs auf idealische Glückseligkeit die Ver- fassung, die Grundsätze und die Sitten, die ihre Väter zur wirklichen geführt hatten, anstatt einer Hoffnung des zweideutigen Besseren die unverkürzte Erbschaft des einmal erworbenen Guten“.
Nicht minder energisch wie seine Handelspolitik ver-
tritt Gentz Englands Finanzsystem. Den Zeitungen und Zeitschriften, die nicht müde werden, Statistiken über das Anwachsen der britischen Nationalschuld seit Beginn des Krieges zu bringen, und alle möglichen Rechen- kunststückchen anstellen, um deren Höhe zu veranschau- lichen,38 stellt er die Zunahme der Einkünfte aus Handel und Industrie in derselben Zeit entgegen. Seine unge- heuren Aufwendungen für den Krieg mit Frankreich be- deuten also für England eine Gewinn bringende Kapital- anlage. Englands Entwicklung bewegt sich, das ist Gentz' Ueberzeugnng. trotz aller Unglückspropheten nicht auf absteigender Linie, sondern in den letzten Jahren ist auf allen Gebieten ein bedeutender Aufschwung zu ver- zeichnen, so schwierig die äussere Lage auch gewesen sein mag. Und er wird anhalten, wie sich die Dinge in der Zukunft auch gestalten mögen.
Ein Jahr vor den Flugschriften von Gentz war in demselben Fröhlichschen Verlag in Berlin eine Unter- suchung: Ueber die Ursachen des englichen National- reichtums von dem Hannoveraner Niemeyerd erschienen, der während seiner Tätigkeit im Zolldienst praktische nationalökonomische Erfahrungen gesammelt hatte. Auch er kommt wie Gentz im grossen und ganzen zu güns- tigen Urteilen, obgleich er von ganz anderen Voraus- setzungen ausgeht. Zunächst ist er unparteiischer, und er kann dies auch sein, da seine Schrift keine Schutz- schrift für England sein soll. Wenn er sich auch nicht den übertriebenen Vorwürfen wider die britische See- politik anschliesst, so weist er doch mit Recht darauf hin, dass Englands Beteiligung an dem Revolutionskrieg nicht Ausfluss einer rühmlichen selbstlosen Politik ist, die die übermütige Republik strafen und die bedrängten Monarchien unterstützen wollte, sondern dass es ausser dem Schutz seiner Interessen auf dem Festland die einzig- artige Gelegenheit, seine Handels- und Seemacht auf Kosten aller übrigen Nationen auszudehnen, wahrgenom- men hat und sie skrupellos ausbeutet. Auch die Subsidien an das Festland zahlt es weniger aus prinzipieller Gegner- schaft gegen die Revolution als aus der Gewissheit heraus, dass das Geld meistenteils beim Verkauf seiner Waren wieder in seinen Säckel zurückfliesst. Wichtiger aber ist, dass Niemeyer Anhänger eines gemässigten Merkantilismus ist. Er sieht in dem seit langer Zeit syste- matisch durchgeführten Schutz der heimischen Produktion den Grund zu Englands Grösse und trifft damit das richtige, während Gentz, wie wir sahen, auch auf ihre Entwicklung das Dogma vom allein selig machenden Freihandel anwendet und sich in Widersprüche verwickeln musste. Englands augenblickliche Lage sieht der hanöv- rische Schriftsteller als befriedigend an. Die hohe National- schuld ist weiter nichts als eine von dem Volk der Regie- rung gewährte Anleihe. Die Aussichten für die Zukunft bezeichnet er ebenfalls als recht günstig.
Auch andere Stimmen, die wir eine günstige Stel- lung Englands auswärtiger Politik gegenüber einnehmen sahen, finden Worte der Verteidigung und Anerkennung für Englands System im Inneren. Der Revolutionsalmanach nimmt es energisch gegen die von allen Seiten erho-


