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benen Vorwürfe in Schutz. Wie Gentz erkennt er die Ueberlegenheit der englischen Fabrikate an und sieht in deren uneingeschränkter Zulassung auf dem europäischen Markt einen grossen Vorteil für die Menge der Ver- braucher, vor dem die Klagen der paar Produzenten zurücktreten müssen. Karl Ludwig von Paller weist darauf hin, welch grosses Interesse England an einem wohlhabenden und kaufkräftigen Kontinent hat, wie tö- richt also das Jammern über seine Aussaugungspolitik ist. Deutschland wird nicht ärmer dadurch, dass es die Kolonialwaren statt von Frankreich von England be- zieht, einige deutsche Häfen, wie Hamburg und FTriest, haben sogar Vorteile davon. Dem Politischen Journal erscheint zwar die ungeheuer rasche Ausbreitung der britischen Macht in den letzten jahren bedenklich, da sie anfängt, in Missverhältnis zu seiner Kraft zu kommen. Aber bei der Volk und Regierung innewohnenden Energie hält es Besorgnisse vor einem plötzlichen Zusammen- bruch für unbegründet. Als Beweis für die Gesundheit der finanziellen Entwicklung weist auch Schirach auf die gewaltige Zunahme des Handels hin. Er legt überhaupt bei jeder Gelegenheit eine Lanze für die inneren Zu- stände in Grossbritannien ein, meist mit Seitenhieben auf die in Frankreich herrschenden.
Im ersten Augenblick erstaunt es uns bei den Sym- pathien seiner Mitarbeiter für die Revolution, im Journal Frankreich die englischen parlamentarischen Zustände als mustergiltig hingestellt zu finden. Doch wir haben
hier eins der vielen Zeugnisse vor uns, wie stark all-
mählich der Freiheitstaumel in Deutschland ernüchtert worden ist und wie sich die Sympathien allmählich wieder den erprobten englischen Einrichtungen zuwenden. Die Zeitschrift London und Paris hält mit Gentz und Schirach die britische Nationalschuld für werbendes Kapital zu Gunsten von Handel und Industrie. Die Hoffnungen der französischen Chauvinisten und ihrer deutschen An- hänger, das Finanzsystem, besonders das viele Papier- geld, werde das Inselreich zu Grunde richten, werden mit viel Witz verspottet. Das Blatt macht aus seinen englischen Sympathien keinen Hehl und lässt es sich häufig angelegen sein, die deutschen Landsleute über die viel verschrieenen Sitten und Gebräuche ihrer Vettern jenseits des Kanals aufzuklären. 40
3. Beurteilung des englischen Volkscharakters.
Denn auch über den Charakter des englischen Volkes, seine Lebensweise und seine Lebensanschauungen gehen die deutschen Ansichten weit auseinander. Die einen loben die Ausdauer des Engländers auch in den schwie- rigsten Lagen, seine„heilige“ Anhänglichkeit an König und Verfassung, seine Treue und Gutmütigkeit, seinen patriotischen Gemeinsinn, sein stolzes Selbstbewusstsein. An dem englischen Kaufmann rühmen sie die nüchterne Klugheit und den kühnen Unternehmungsgeist. 41 Die
zu dem andern Lager sich bekennen, wandeln all diese Vorzüge in ihr Gegenteil. Die Ausdauer wird zur Starr- köpfigkeit, das zähe Festhalten am Ueberlieferten ist ihnen bornierte Rückständigkeit, die sich deutlich in den rohen Sitten und plumpen Manieren zeigt. Da England immer wiedcr Kriege führt, werfen sie seiner Regierung und seinem Volk Treulosigkeit und Vertragsbrücehigkeit vor. In den gepriesenen kaufmännischen Tugenden er- blicken sie kleinlichen Krämergeist und rücksichtslose Gewinnsucht. Sehr bitter empfindet man auch die Gering- schätzung und Verachtung, die die Engländer allem Aus- ländischen und jedem Ausländer, besonders dem Deut- schen, entgegenbringen, und hier stimmen auch sonst. England freundlich Gesinnte in die Klagen ein. 42
4. Beurteilung Pitts.
Die Stellung zu Pitt, in dem man mit Recht den verantwortlichen Leiter der englischen Politik in den zwei letzten Jahrzehnten sieht, ist mit der Stellung unserer Gewährsleute zu der äusseren und inneren Politik Eng- lands gegeben, weshalb es sich erübrigt, nochmals näher darauf einzugehen. Sie schwankt zwischen denselben Ex- tremen wie diese, was folgende Aeusserungen über ihn beleuchten mögen: Der Genius nennt ihn mit Abscheu einen Blutminister, Heinse einen neuen Attila, die Gottes- geisel unserer Zeit, während ihn das Politische Journal als den Herkules der Revolutionshydra feiert, die ohne sein Dazwischentreten ganz Europa verschlungen hätte, und etwas später preist ihn die Schrift: Der Friede zwischen Frankreich und England als den gütigen Schutz- geist Grossbritanniens. Der Rücktritt Pitts und seiner Ministerkollegen im Anfang des Jahres 1801 erregt natur- gemäss die grösste Aufmerksamkeit, zumal er sich unter so eigenartigen Begleitumständen vollzieht. Noch heute sind sich die Gelehrten nicht darüber einig, ob die Demission erfolgte, weil Pitt bei dem König nicht die Emanzipation der irischen Katholiken, die er versprochen hatte, erreichen konnte, oder ob der Grund zum Rück- tritt in Fragen der äusseren Politik zu suchen ist. Schon damals haben beide Auffassungen ihre Anhänger, doch neigt die Mehrzahl der Ansicht zu, dass er— freiwillig oder gezwungen— gewichen sei, um die Friedensunter- handlungen mit Frankreich zu erleichtern. Das ihn ab- lösende Kabinett Adington, dessen Fähigkeiten alsbald in Uebereinstimmung mit der englischen öffentlichen Meinung sehr niedrig eingeschätzt werden, gilt allgemein als friedlich, obwohl man den bestimmenden Einfluss Pitts auf es nicht verkennt. Gegen die persönlichen An- griffe, die sich alsbald in englischen und deutschen Blättern gegen den„gefallenen Löwen“ richten, die ihm z. B. vorwerfen, er habe sich auf Kosten des Staats- schatzes bereichert, ergreift unter anderen auch Archen- holz das Wort, der doch Pitts Politik jederzeit aufs. schärfste bekämpft. 43


