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Uebergewicht an Gründen und selbst an Würde die Opposition in England über die ministerielle Partei hat“. Dadurch, dass vorzugsweise ihre Reden von den deut- schen Journalen und Zeitungen wiedergegeben werden, entsteht ein ganz schiefes Bild von der inneren Lage auf der Insel. Nur die Pressfreiheit, das muss man an- erkennen, ist von der ehemaligen Herrlichkeit übrig ge- blieben, und auch diesem Rest der alten Volksrechte wird baldige Vernichtung geweisagt. Merkwürdig er- scheint es den für freiheitliche Theorien schwärmenden Deutschen, dass die grosse Mehrheit des britischen Vol- kes die ministerielle Politik billigt und die grossen Opfer willig bringt. Doch sie sind weit entfernt, hierin einen Beweis für politisches Verständnis zu sehen; von den Forderungen, die der Machtstaat an seine Bürger zu stellen berechtigt ist, von den Opfern, die in ihm der einzelne für die Gesamtheit bringen muss, haben sie keine Ahnung. Sie bedauern vielmehr, wie wir das schon bei Archenholz sahen, den politischen und sittlichen Niedergang des britischen Volkes und machen Pitt da- für verantwortlich, da er dem Volk durch seine despo- tischen Massregeln das Rückgrat gebrochen habe.
Die in England herrschende Teuerung, der Mangel an Lebensmitteln und die Not der unteren Volksklassen ist ein immer wiederkehrender Gegenstand in den Be- richten aus und über England. Doch lassen es die meisten unentschieden, ob eine wirkliche Teuerung vorhanden oder ob sie durch wucherische Spekulanten künstlich hervorgerufen ist. 34
Die Partei der Gegner der britischen Politik im In- nern vertritt vor allem der Genius, und es lohnt sich, bei ihm einen Augenblick zu verweilen. Sein volkswirt- schaftlich sehr interessierter Herausgeber Hennings ist begeisterter Anhänger der von Adam Smith propagierten Freihandelslehre. Dementsprechend macht er das in Eng- land herrschende Merkantilsystem für die„prekäre“— ein damals gerne gebrauchtes Wort— Lage des Landes verantwortlich. Es hat das Schicksal des Königs Midias; was mit ihm in Berührung kommt, verwandelt sich in Gold, und dabei ist das Volk in Gefahr, Hungers zu sterben. Nicht Mangel an Geld, sondern Ueberfluss herrscht in England. Aber es ist zu ungleichmässig ver- teilt, die Gegensätze zwischen arm und reich sind zu schroff. Während die wenigen Besitzenden im Ueber- fluss schwelgen, darbt die grosse Masse. Auch im Ver- hältnis zum Ausland zeigen sich die Schäden der mer- kantilistischen Politik. England, das die meisten Waren auf den Markt bringt, hat das grösste Interesse an einem allgemeinen freien Handel. Aber anstatt ihn zu fördern, unterdrückt es Handel und Schiffahrt aller übrigen Völ- ker und trägt zur Verarmung derer bei, die doch seine besten Kunden sind. Die beständigen Eingriffe der Re- gierung in die Verhältnisse der Industrie und des Han- dels, charakteristische Folgen des Merkantilismus, sind für beide nur von Nachteil gewesen. Baldige entschlos- sene Abkehr von der seither befolgten Politik kann allein England vor dem nahen Verderben retten und wird auch
auf dem Kontinent wieder gesunde wirtschaftliche Ver- hältnisse ermõöglichen. 35
b. Zustimmende und objektiv würdigende Urteile.
Ein Schüler von Smith ist auch Gentz. Es ist in- teressant zu verfolgen, wie er die Verteidigung des eng- lischen Wirtschaftssystems mit seinen nationalökono- mischen Ansichten zu vereinigen sucht.36 Dem frei- händlerischen Satz getreu, dass jede Beschränkung der Konkurrenz von Nachteil sei, behauptet er, dass der eng- lische Handel„nicht durch die Navigationsakte, sondern trotz der Navigationsakte“ gross geworden sei. Aller- dings sind damit seine Aeusserungen über die Vorteile, die sie England gebracht hat, schwer in Einklang zu bringen. Dem von Freihändlern und Anhängern des Naturrechts häufig erhobenen Vorwurf, Gross-Britaniens Schutzmassregeln zu Gunsten seines Handels, seiner In- dustrie und seiner Marine seien Verstösse gegen das Völkerrecht, begegnet er mit dem Hinweis auf ähnliche Massnahmen anderer Völker. Auch die Befürchtungen vor Englands Kolonialmacht und die Angriffe dagegen hält Gentz für unberechtigt. Erst die Revolution hat hier England einen grossen Vorsprung vor den anderen See- mächten, besonders vor Frankreich, gewinnen lassen, der aber stark vermindert wird, wenn wieder ruhige Zustände einkehren. Ueberhaupt ist der Besitz von Kolonien nach der Lehre des Freihandels nicht allzu hoch anzuschlagen. Entgegen den vielen in Umlauf befindlichen Ansichten über die Entstehung und Art der britischen Handels- superiorität stellt Gentz fest, dass sie einmal„der mit nichts zu vergleichenden Industrie der englischen Nation, dem Umfang ihres Kapitalvermögens, ihren ausserordent- lichen Fortschritten in allen mechanischen Künsten, der hohen Vervollkommnung ihrer Schiffahrt, der Aufmerk- samkeit ihrer Regierung für das wahre Interesse des Landes, ihren guten Polizeigesetzen, ihrem politischen und individuellen Charakter“ zu verdanken ist. Als zweites, negatives Moment kam hinzu, dass Frankreich, Spanien und Holland, die drei bedeutendsten Seemächte neben England, in der trostlosen Anarchie der Revolutionszeit Handel, Industrie und Marine verloren haben. Dass Eng- land aus diesem günstigen Umstand Nutzen gezogen hat, darf man ihm füglich nicht übelnehmen. Immer muss man sich aber vor Augen halten, dass die eng- lische See- und Handelsmacht nicht plötzlich während des letzten Jahrzehnts entstanden ist, sondern sich in beständigem Wachsen schon das ganze achtzehnte Jahr- hundert hindurch befunden hat.
Vor allem haben die Völker, die Kolonialprodukte nur konsumieren, nach der Ansicht von Gentz keinen Grund zur Besorgnis. Die tatsächlich in den letzten Jahren eingetretene Preissteigerung ist nicht auf das eng- lische Monopol zurückzuführen, sondern ist eine Folge des steigenden Verbrauchs und der langen Kriegszeiten. Dass der Freihändler Gentz die Furcht vor dem eng- lischen Monopol im Handel mit Kolonialwaren zerstreuen will, ist schon sonderbar; erst recht ist es aber seine


