Aufsatz 
Die englische Politik am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts im Urteil der politischen Publizistik Deutschlands
Entstehung
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des Gleichgewichts wider die französischen Vergrösse- rungspläne eingetreten ist. Die läppischen Beschuldigungen und die Märchen von englischenKabalen und Bestech- ungen und der Himmel weiss welchen verborgenen Künsten, die von den Franzosen und den ihnen nach- plappernden Deutschen immer wieder aufgetischt werden und mit denen man historische Tatsachen einfach auf den Kopf stellt, bringen Gentz in Harnisch und lassen ihn einige von seiner sonstigen Schreibart abstechende heftige Ausdrücke gebrauchen.

England von dem Verdacht zu reinigen, dass es die erste Koalition gestiftet nabe, und Europa gegen den Vor- wurf zu verteidigen, es habe sich mutwillig seinen eigenen Interessen zuwider gegen Frankreich verschworen, ist der ausgesprochene Zweck der Schrift: Ueber den Ursprung und Charakter des Krieges gegen die franzõsische Revolution. Auf die Einzelheiten können wir hier nicht eingehen. Als Resultat seiner langen historischen Untersuchungen findet Gentz, dass Pitt dem Anfang des Krieges ferngestanden habe und dass er ihm wegen seines Lieblingsplans, der Reform der englischen Finanzen, gern ferngeblieben wäre, wenn ihn nicht das provozierende Vorgehen der französischen Gewalthaber zum Eingreifen gezwungen hätte. 33

2. Beurteilung der inneren Lage Englands.

a. Ablehnende Urteile.

Um das Bild, das sich die deutschen politischen Schriftsteller um die Jahrhundertwende von England machen, zu vervollständigen, müssen wir auch einen Blick auf die inneren Zustände werfen. Wir sehen da neben vielen erfreulichen Zügen tiefe Schatten lagern, und sie sind es vor allem, mit denen man sich in Deutschland beschäftigt. Die Vorgänge in Frankreich hatten auch in England eine revolutionäre Partei ge- schaffen, die einer gewaltsamen Umänderung der Ver- fassung nicht abgeneigt war. In Irland hatten mehrere Aufstände, die zum Teil von Frankreich unterstützt wurden, nur in Strõmen von Blut erstickt werden können. Die Vereinigung des irischen Parlaments mit dem eng- lischen im Jjahre 1801 hatte bei den Bewohnern der grünen Insel keine Umwandlung in der vorwiegend Eng- land feindlichen Stimmung hervorgerufen, zumal an dem Widerstand des Königs die von Pitt vorgeschlagenen religiösen Zugeständnisse gescheitert waren. Die whi- gistische Opposition erfreute sich bei den niederen Volks- schichten grosser Beliebtheit; wenn sie auch im Parla- ment verhältnismässig schwach vertreten war, so führte sie den Kampf gegen die ministerielle Politik unter Lei- tung von Männern wie Fox und Sheridan aufs entschie- denste und mit viel Geschick durch. Die Habeas Corpus- Akte, das Palladium der englischen Freiheit, war schon Jahre lang suspendiert. Die englische Bank hatte seit 1797 die Zahlungen eingestellt. Die alten Steuern und Zölle wurden immer wieder erhöht und neue eingeführt. Und als sie trotzdem nicht ausreichten, um die gewal- tigen Ausgaben während des Krieges zu bestreiten, wur-

recht gering ist, geniesst grosses Ansehen

den Steuern auf Vermögen und Einkommen beschlossen, eine für jene Zeit aussergewöhnliche und aufs heftigste bekämpfte Massnahme, mit der sich selbst ein Gentz nur unter den grössten Bedenken einverstanden erklären kann. Und dennoch stieg die Schuldenlast zu bedenklicher Höhe heran. Das herrschende Merkantilsystem war entartet und erstarrt; die von Pitt vor 1792 durchgeführten Refor- men hatten bald nach Beginn des Kriegs geopfert werden müssen. Dagegen wurden uns heute unglaublich dün- kende Misstände von der Regierung geduldet, wenn nicht gar begünstigt. Die Bestechungen und all die unsauberen Manipulationen, die bei den Parlamentswahlen seit Wal- pole gang und gäbe waren, trugen nicht dazu bei, das Ansehen der Regierung im Ausland zu heben, wo man ohne politische Schulung für die Auswüchse des parla- mentarischen Systems kein Verständnis hatte. Tumulte in der Marine, veranlasst durch die unmenschliche Behand- lung der Matrosen, beschäftigten immer wieder die Oeffent- lichkeit.

Diese dunklen Seiten der englischen Zustände sind es, die die grösstenteils noch mit den Ideen der Revolution liebäugelnden Männer der öffentlichen Meinung in Deutsch- land ihren Betrachtungen über englische Zustände zu Grunde legen. Die innere Politik, die handelspolitischen Massnahmen können sie nicht begreifen; sie sehen darin grosse Gefahren liegen und prophezeien einen baldigen Staatsbankerott. Sie vermissen an Englands Macht die feste Grundlage eines ausgedehnten Landbesitzes; die Beherrschung des Meeres dünkt ihnen eine künstliche, von Zufälligkeiten gar zu sehr abhängende Basis. Die aussergewöhnlichen Anstrengungen und die Gunst der internationalen Lage im letzten Jahrzehnt, so meinen sie, haben zwar Handel und Industrie zu einer vorher nie geahnten Höhe gebracht; aber schon jetzt sind dadurch alle Kräfte des kleinen Volkes in einer Weise in An- spruch genommen, die bald zum Zusammenbruch führen muss. Wenn die Briten das Monopol im Kolonialhandel und ihr bedeutendes Uebergewicht im Handel mit Manu- fakturwaren behaupten wollen, müssen sie den Krieg bis ins Unendliche fortsetzen; denn nur durch ihn haben sie beides erreicht. Jedoch den finanziellen Anforderungen eines solchen Zustandes sind sie nicht gewachsen. Wenn sie aber Frieden schliessen, geht die Herrschaft über die Meere und damit der ungeheure Handelsvorteil verloren. Die Lage des Inselstaates ist dann ebenso verzweifelt wie im ersten Fall, die finanzielle Katastrophe, die dann unweigerlich eintreten muss, wird die politische, die Re- volution, nach sich ziehen. Denn die imperialistische Politik des Pittschen Ministeriums lastet mit unerträglichem Druck auf der Masse des Volkes. Noch vor etwas mehr als einem Jahrzehnt hatte England den fortschrittlich Gesinnten in Deutschland als das gepriesene Land der Freiheit gegolten, seine Verfassung hatten sie als muster- giltig bezeichnet. Jetzt hält man sie für zerstört; an ihre

Stelle ist die unumschränkte Ministerherrschaft getreten.

Die Opposition, deren parlamentarischer Einfluss doch in Deutsch- land. Der Genius sagt von ihr, es istauffallend, welches