Aufsatz 
Die englische Politik am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts im Urteil der politischen Publizistik Deutschlands
Entstehung
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zustimmen. 26 Der auf literarischem und politischen Gebiet emsig schriftstellernde Johann Adam Bergk bezeichnet das französische Kabinett alsdie giftige Quelle der meisten Kriege. 27 Woltmann, der selbst keineswegs die englische Partei vertritt, ist doch als Historiker ehrlich genug, in seiner Zeitschrift Geschichte und Politik zuzugeben, dass England dem Beginn des Revolutionskriegs fern gestanden hat, dass Pitt, der seine ganze Kraft der Reorganisation der englischen Finanzen widmen wollte, gegen seine Ab- sicht erst durch das berüchtigte Dekret des Nationalkon- ventes, worin es allen Monarchien den Krieg erklärte, und durch die Massnahmen gegen Belgien zum Eingreifen veranlasst wurdé. Aehnlich beurteilt diese Frage der Professor Eichhorn.2s Gegen die Torheit der Behaup- tung, England habe die Festlandsmächte wider ihr eigenstes Interesse in all diese Kriege verwickelt, wendet sich Haller, der spätere Rechtslehrer der Romantik. Dass solche An- sichten aufkommen konnten, liegt nach seiner Meinung nur daran, dass Frankreich jederzeit die öffentliche Mei- nung für sich zu gewinnen wusste. 2o? Der Revolutions- almanach druckt diese Ausführungen ab und stimmt ihnen voll und ganz zu. 30 Ein besonders lebhafter Streit war darüber entstanden, ob die Friedensanerbietungen Bona- partes um die Wende der Jahre 1799 und 1800 ernst gemeint waren, eine Frage, die ja auch heute noch nicht ganz zur Ruhe gekommen ist. Die Mehrzahl unserer Schriftsteller bejahen sie und schreiben es wieder Eng- land zu, dass es zu keinem Frieden gekommen ist. 31 Hier hätte es nun nahe gelegen, zu untersuchen, warum denn auch Oesterreich die ihm dargebotene Hand zurück- gewiesen hat; doch niemand beschäftigt sich mit dieser Frage. Vielen wird ja als Erklärung: englische Intriguen und englisches Gold genügt haben. Die Einsichtigeren werden sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden gegeben haben, aber bei den herrschenden Presse- und Zensur- verhältnissen wird es ihnen nicht ratsam geschienen haben, Oesterreichs Verhalten einer offenen Kritik zu unterziehen.

Auch hier reitet wieder Marcard eine schneidige Attacke für England; ihm ist esunleugbar gewiss, dass Bonaparte den Frieden nicht wollte, von dem er sprach. Auch Bülow und Eichhorn halten das Verhalten des ersten Konsuls für einen geschickten Schachzug, um in den Augen der breiten Masse zu gewinnen und sie noch mehr für sich gegen England einzunehmen; denn wie die Verhältnisse lagen, konnte er weder auf Englands noch auf Oesterreichs Zustimmung zu seinen Vorschlägen rechnen. 32

c. Urteil Friedrich Gentz über die See- und die festländische Politik.

Alle Gegner und alle Fürsprecher der britischen Politik überragt weit Friedrich Gentz. Nach der kurzen Zeit seiner Sympathien für die französische Revolution hatte er eingehend die politischen Verhältnisse Englands studiert und war ein begeisterter Anhänger des dort herrschenden Systems geworden. Als einer der ersten hatte er die von dem revolutionären Frankreich der Un- abhängigkeit Europas drohenden Gefahren erkannt, und

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die Wertschätzung des britischen Staats war bei ihm noch gestiegen, als dieser der entschiedenste Widersacher der Uebergriffe der Republik wurde. Seine schriftstellerische Tätigkeit in den Jahren 1799 bis 1801 dient dem Zweck, angesichts der ungeheuren Entstellungen, die sich die französischen Schriftsteller und, ihnen folgend, die meisten deutschen zu Gunsten Frankreichs zu Schulden kommen liessen, die politische Lage Europas so zu schildern, wie sie sich dem unbefangenen Zuschauer bot. So sagt wenigstens Gentz selbst und kommt damit dem kosmo- politischen Zeitgeist entgegen, der Befangenheit gegen- über einem Staat, auch gegen das eigene Vaterland, eines aufgeklärten Schriftstellers für unwürdig hält. Doch ent- spricht es eher den Tatsachen und wird Gentz' Bedeu- tung mehr gerecht, wenn wir seinen Standpunkt als den eines weitsichtigen Politikers bezeichnen, der bei den gegebenen politischen Verhältnissen für die Zukunft der deutschen Staaten von Frankreich her das Schlimmste befürchtet, worin ihm die kommenden jahre ja nur allzu recht geben sollten. Seine Aufsätze zeichnen sich, ganz abgesehen von ihren sonstigen grossen Vorzügen, durch ihre massvollen Urteile aus. Wenn auch die Parteinahme für England überall durchscheint, so wird sie doch durch geschichtliche und politische Erwägungen ausführlich begründet, und er scheut sich nicht, gelegentlich falsche Massnahmen zu missbilligen. Die Ansichten über Frank- reich und seinen Beherrscher sind ohne Leidenschaft vorgebracht. Doch geht Gentz in seiner Stellung über den Parteien nicht so weit wie z. B. Archenholz, der jedes einzelne Ereignis für sich betrachtet und darüber sein Urteil nach historischen und moralischen Gesichts- punkten fällt, dabei aber zu keinem festen Standpunkt in dem Getriebe der politischen Wechselfälle kommt, weshalb ihm auch der Vorwurf der politischen Wetter- wendigkeit nicht erspart blieb. Dem gegenüber atmen die Gentzschen Streitschriften modernen Geist. Gentz hat seine Stellung genommen, er hält Anschluss an Eng- land im Interesse der Selbsterhaltung aller Festlandsmächte für geboten. Um diesen Gedanken möglichst zu ver- breiten, schiebt er alles, was für ihn spricht, in den Vor- dergrund, was ihm schaden kann, wird dagegen ver- schwiegen oder doch abgeschwächt.

Da die Auslassungen, die England als den ewigen Friedensstörer Europas bezeichnen, sich stets wiederholen, kommt Gentz an vielen Stellen auf sie zu sprechen. Ge- schickt weisst er darauf hin, dass England, wo es auch in die Vorgänge auf dem Kontinent eingegriffen hat, immer gegen Frankreich aufgetreten ist. Und es ist kein Zufall, dass sich England so oft an einem festländischen Bund gegen Frankreich beteiligt hat, sondern es liegt in dessen alle anderen Staaten bedrohenden agressiven Tendenzen begründet. Ganz töricht ist es anzunehmen, dass sich Mächte wie Oesterreich und Preussen durch Geld zu Unternehmungen verlocken liessen, an denen sie selbst kein Interesse hatten; nur deshalb haben sie sich so oft England angeschlossen, weil es immer und so auch bei den jüngsten Ereignissen für die Erhaltung