Die Stimmen, die offen Partei für England ergreifen, sind selten. Eine der energischsten und geschicktesten ist die Flugschrift des Arztes Marcard: Was haben die Mächte von Bonaparte zu erwarten? Sie entschuldigt das britische Vorgehen auch gegen die neutrale Schiffahrt als Kriegsrecht, zu dem England um so mehr berechtigt ist, als Frankreich sich auf dem Festland alle Uebergriffe erlaubt, um Vorteile gegen seine Feinde zu erzielen. Die Besorgnis vor einer englischen See- und Handelsdespotie ist ihm eitel Gespensterfurcht, mit der die Franzosen und ihre Parteigänger die Völker schrecken, um die Aufmerk- samkeit von deren bedrohlicher Uebermacht abzulenken. 18
Das in Frankfurt herauskommende„Reich der Todten“ will zwar nicht leugnen, dass England nach der See- herrschaft strebt, und dass es jetzt schon den ganzen Kolonialhandel an sich gerissen hat. Aber seine Macht- fülle ist nötig„als Gegengewicht gegen die universale Landmacht“ Frankreichs. 19
b. Urteile über die festländische Politik.
Nicht nur die Seewillkür trägt England den Hass und den Tadel weiter deutscher Kreise ein. Blättern, wie dem Genius, den Furopäischen Annalen und der Nationalzeitung, ist es schlechthin Schuld an allem Unglück, das Deutsch- land und das feste Land im letzten Jahrzehnt und im letzten Jahrhundert betroffen hat. Ihnen gilt es für aus- gemacht, dass das perfide Albion die Revolutionskriege alle angezettelt und, wenn sie einmal ihrem Ende ent- gegenzugehen schienen, immer von neuem mit seinen Guineen angefacht hat. Aber das nicht aus prinzipieller Gegnerschaft gegen die Revolution oder zum Schutz des Festlands oder aus einem anderen von den englischen Ministern vorgeschützten Grund, sondern um sich unge- stört bereichern und sein Machtgebiet vergrössern zu können, während sich die Bundesgenossen auf dem Fest- land verbluten. Doch auch Männer wie Archenholz und Häberlin sind überzeugt, dass England seit 1792 die treibende Kraft bei allen kriegerischen Verwicklungen ist, dass es noch anfangs 1800 seiner selbstischen Interessen halber Deutschland an dem Abschluss eines günstigen Friedens, der ihm die Rheinlande wieder gebracht hätte, verhindert hat. 20
Aus der Geschichte sucht Herder in seiner Adrastea nachzuweisen, wie England immer den Kontinent für seine Zwecke benutzt hat, dass es ihn in die langwie- rigsten Kämpfe hineingezogen hat, um der Vermehrung seines Ruhmes und seiner Macht zu dienen. Es ist auf- fallend, dass auch er England die ausschliessliche Schuld an allen Kriegen der letzten Jahrhunderte, selbst an dem spanischen Erfolgekrieg, zuschreibt. Eine schimpfliche Knechtschaft ist es nach seiner Auffassung, in die sich die Festlandsmächte diesem„Krämer- und Kaufmanns- volk“, diesen„Manufakturisten oder Warenhändlern und Wechslern“ ergeben haben. Wenn sie sich nicht durch englisches Gold immer wieder erkaufen liessen, wäre die anmassende brilische Weltherrschaft längst ausgespielt. Der nüchterne kaufmännische Unternehmungsgeist, das
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zielbewusste Streben nach materiellem Gewinn sind es vor allem, die den deutschen Gelehrten am englischen Volk so sehr abstossen. 21
Ebenso wird in Wielands Neuem Teutschen Merkur die englische Politik und ihr Leiter Pitt„der dämonische Mann auf jener Insel, der aus 7 Schalen Gold und Wehe über unser Vaterland ausgiesst“, für all das Unglück, das Deutschland betroffen hat, verantwortlich gemacht. 22 Von solchen Autoritäten gedeckt, schlägt dann die Schar der Grössen zweiten und dritten Ranges auf das kriegs- wütige England los, so dass Gentz und andere2s sich mit Recht über die Voreingenommenheit, den„entschie- denen Hass“ der„grossen Majorität der deutschen Schrift- steller“ gegen England beschweren. Ein bayrischer Demo- krat nennt den im März 1800 zwischen Bayern und England geschlossenen Subsidientraktat einen„garstigen Blut- und Menschenkauf“; ihm ist der Bund mit Eng- land ein„Verbrechen der beleidigten Nation“, seinet- wegen und aus einigen anderen Gründen fordert er die Absetzung des Kurfürsten. Eine ganze Reihe von Schriften stimmt in diesen Ton, mit mehr oder weniger Mässigung, ein. 24
Doch auch hier fehlt es nicht an Verteidigern der Briten. Sie geben zu, dass England seit mehr als einem Jahrhundert bei allen wichtigeren Verwicklungen auf dem Kontinent seine Hand im Spiel gehabt hat, betonen aber das grosse Interesse, das ein Teil der Festlandsmächte in all diesen Fällen an seinem Beistand hatte. Es ist be- greiflich, dass manche von ihnen in das entgegengesetzte Extrem verfallen und England von jeder eigennützigen Absicht rein zu waschen und als selbstlosen Vorkämpfer der Freiheit Europas hinzustellen suchen. Eine bayrische Flugschrift, die im Gegensatz zu der„verkehrten und irregeführten Volksmeinung“ Bayerns Teilnahme am Reichskrieg und die Annahme englischer Subsidien ver- teidigt, bezeichnet die Ansicht, als ob England durch durch sein Geld immer wieder den Friedensschluss im Revolutionskrieg verhindert habe, als„eines der abge- schmacktesten Märchen“. Die englische Geldhilfe ist nur eine billige Entschädigung für den Gewinn, den der britische Handel aus Deutschland zieht. Auch von der Furcht einer drückenden englischen Handels- und See- despotie hält der Verfasser nicht viel, da England, je mehr sich sein Handel ausbreitet, um so mehr Rücksicht auf die Käufer seiner Waren nehmen muss. In einer Nachschrift hat der Verfasser noch die Genugtuung, eine soeben erschienene weitere bayrische Schrift anführen zu können, die dieselben Ansichten wie seine vertritt. 25
Nikolaus Vogt, der damals in Mainzer, später in Frankfurter Diensten stand, erkennt wohl die wichtige Rolle, die der Gegensatz zwischen Frankreich und Eng- land in allen Kriegen der letzten Zeit gespielt hat; aber er sieht doch auch, dass man nicht England die ganze Schuld einseitig aufbürden darf. So misst er das Schei- tern der Rastatter Verhandlungen„dem schreckenden Be- tragen des Direktoriums“ bei, worin Archenholz und die Schrift: Resultat der Reichsfriedensunternandlungen ihm


