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der Sinn für die wirklichen Bedürfnisse des Machtstaates mangelt ihnen. So sind für Archenholz nur Hab- und Ehrsucht, Stolz uud Eitelkeit die Beweggründe, die das englische Volk das Verhalten seiner Regierung gutheissen lassen. Die ganze Streitfrage ist von ihm sehr rasch und einfach entschieden:„Die Engländer haben kein Recht zur Herrschaft über alle Meere.“ Doch er weiss auch ein Mittel, sie zu lösen: völliger Ausschluss der englischen Manufaktur- und Kolonialwaren vom Kontinent, die Kon- tinentalsperre also wird England in kurzer Zeit zum Nachgeben zwingen.9
Von dem Abbruch der Handelsbeziehungen erhofft auch der Herausgeber der Nationalchronik der Teutschen, der süddeutsche Patriot Johann Gottfried Pahl, das Ein- lenken Englands, dessen angemasste Monopolstellung auf den Meeren und im Handel Europa mehr schadet als selbst die französische Landübermacht. 10 Dagegen weist der Geheime justizrat Häberlin in Helmstedt, der das Staatsarchiv„anlegt und ordnet“, darauf hin, wie weit die Interessen der Mitglieder der nordischen Koalition aus- einanderstreben, und bezweifelt daher ihren Erfolg, so sehr auch er eine Demütigung des britischen Seedespo- tismus begrüssen würde. 11
Der Redakteur der Nationalzeitung der Teutschen, der wackre Rudolf Zacharias Becker, hat Hebung der Bil- dung und Förderung der Humanität auf seine Fahne geschrieben; er hofft, dass die moralische und vernünf- tige Weltordnung bald zum Siege gelangen werde. Alle Verstösse dagegen werden gerügt, und die eigennützige Politik der Kaufmannsinsel findet natürlich gar keine Gnade: das englische Gold hat die Kriegsdrangsale der letzten Jahre verursacht. jetzt, nachdem sich die Festland- mächte endlich seinem unheilvollen Einfluss entzogen haben, facht es das Kriegsfeuer durch seinen Anspruch auf die Herrschaft über das Weltmeer von neuem an. Die nordische Seekonvention begrüsst Becker lebhaft. Ihre Unternehmungen, so wünscht er, werden Englands Uebermut dämpfen und einen weiteren Schritt zum ewigen Frieden bedeuten. 12
Bei den bis jetzt angeführten Gegnern der englischen Seepolitik vermissen wir ganz die Fragestellung: Was wird, wenn England in dem Kampf mit den Festland- mächten unterliegt? Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet das Politische Journal in Hamburg die Weltlage anfangs 1801. Auch es ist weit davon entfernt, als Verteidiger der britischen Willkür aufzutreten; es greift die rücksichts- lose Behandlung der neutralen Schiffahrt, die Missbräuche seiner Uebermacht, seine Gewalttätigkeiten und Usur- pationen heftig an und erkennt die Grundsätze der See- neutralität ausdrücklich als berechtigt an. Besonders die aus dem stark in Mitleidenschaft gezogenen Dänemark stammenden Berichte sind voll von Ausfällen gegen die Völkerrechtsverletzungen, die sich England fortgesetzt zu Schulden kommen lässt. Aber was wird das Resultat sein, wenn die nordischen Mächte Frankreich helfen, seinen bisher unbesiegten Feind zu schwächen? So fragt der Herausgeber Schirach und gibt darauf auch die Ant-
wort: Frankreich wird der Allgewalt seiner Landmacht auch noch die zur See hinzufügen. 13 Die Rücksicht auf die dänische Regierung, der er seine ehrenvolle Berufung nach Altona und den wohlklingenden Titel eines könig- lich dänischen Etatsrats verdankt, und die obendrein von Ende März bis Ende Mai Hamburg besetzt hielt, hindert ihn, seine Besorgnis über eine solche Verstärkung des schon hinreichend gefährlichen Nachbars im Westen offener auszusprechen. Seine Verlegenheit sieht man deut- lich aus der Anmerkung, die er einem ausführlichen Ar- tikel über die Seeneutralität vorausschickt: 14 Seine Zeit- schrift sei nicht dem theoretisch-polemischen, sondern dem praktisch historischen Fach gewidmet. Das stimmt nun ganz und gar nicht zu dem Titel: Politisches! Jour- nal und zu seiner sonstigen Haltung. Offenbar will Schirach damit entschuldigen, dass er nicht vorbehaltslos in das Gcschrei über die englischen Anmassungen ein- stimmt und sein politisches Urteil nicht durch den Un- mut über sie beeinflussen lässt. Die Seeschlacht bei Kopenhagen am 2. April gibt ihm dann willkommenen Anlass, das Verhalten der dänischen Regierung, ihrer Truppen und des ganzen Volkes über die Massen zu loben und dadurch wieder gutzumachen, was er vielleicht durch seine frühere Stellungnahme verdorben hatte. 15
In der Beurteilung der Forderungen der nordischen Konvention stützen sich all diese Vertreter der öffent- lichen Meinung auf die Sätze des Naturrechts, nach dem das Meer Eigentum der Gesamtheit der Mensclien ist. Da ist es denn auch interessant, Stimmen zu vernehmen, die dieser herrschenden Auffassung entgegentreten. Eine Artikelserie in der Cottaischen Allgemeinen Zeitung be- streitet, dass man aus dem Naturrecht die Forderung der Freiheit der Meere ableiten könne. Das Naturrecht auf den Krieg angewandt, das reine Kriegsrecht, erkennt viel- mehr nur den einen Satz an: ich schade meinem Feind, wo ich kann. Nur durch Uebereinkunft zwischen den interessierten Mächten können Sätze, wie sie die Neutralen aufgestellt haben, zur bindenden Norm werden. Da eine solche nicht vorhanden ist, schliesst der Verfasser, kann man füglich von einer Rechtsverletzung Englands nicht sprechen. 16
Ebenso bekämpft ein Aufsatz in der Neuen Berlinischen Monatsschrift, allerdings erst im November, als die nor- dische Koalition längst auseinandergefallen war, die Auf- fassung, als ob eine Frage des Seerechts wie die von jener verfochtene: Frei Schiff macht frei Gut durch eine theoretische, rechtsphilosophische Erörterung entschieden werden könne; sie ist vielmehr als reine Machtfrage zu behandeln und hängt so lange von der Willkür der be- teiligten Völker ab, als nicht allgemein anerkannte Ab- machungen getroffen sind, und auch deren Wert darf man für den Kriegsfall nicht allzu hoch anschlagen. 17 Wenn solche Ausführungen auch nur geringen Beifall gefunden und die öffentliche Meinung wenig beeinflusst haben mögen, so verdienen sie doch Beachtung als Anfänge der Bestrebungen, aus der naturrechtlichen Theorie heraus und zu einer mehr politischen Behand- lung politischer Fragen zu kommen.


