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diesen Tagen besonders lohnend. Die Gründe, weshalb man sich bei den Regierungen und im Volk so viel mit den Briten beschäftigte, sind auch heute noch aktuell: Englands Anspruch auf die Beherrschung der Meere, der sich besonders in Kriegszeiten in der Misshandlung der neutralen Schiffahrt zeigte, seine einzigartige Marine- und Kolonialmacht, seine fast eine Monopolstellung einneh- mende Industrie, seine kluge und rücksichtslose Ausnutz-
ung aller Verwicklungen des Festlandes zum eigenen Vor- teil. Und damit werden wir auch einen Umstand kennen lernen, der dazu beigetragen hat, dass man so lange in weiten Kreisen Deutschlands seine französischen Sympa- thien beibehielt und sich nur schwer und ungern an den Gedanken gewöhnte, dass es notwendig sei, mit England gegen den gefährlicheren Feind, gegen Frankreich zu- sammenzustehen.
Darstellung.
1. Beurteilung der auswärtigen Politik Englands.
a. Urteile über die Seepolitik.
Allgemein ist in der öffentlichen Meinung Deutsch- lands am Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Verur- teilung der rücksichtslosen Uebergriffe gegen die Schiff- fahrt der Neutralen, die sich England besonders seit der ägyptischen Expedition Bonapartes zu Schulden kommen liess. Den extremsten Standpunkt seiner Politik gegen- über vertritt der in Altona von dem Dänen August von Hennings herausgegebene Genius des Neunzehnten Jahr- hunderts. Ihm ist England schlechterdings der Störer der Ruhe Furopas. Es hat aus Vergrösserungssucht und seiner Handelsinteressen wegen den Revolutionskrieg angefacht und reizt jetzt noch aus eigennützigen Gründen die Fest- landsmächte zur Fortsetzung des, wie es wohl weiss, nutzlosen Widerstands gegen Frankreich. Auf dem Konti- nent begünstigt es überall die Gärungen und die Em- pörungen, um auf seinem Element, der See, ungestört im Trüben fischen zu können. Wider seine Uebermacht und den auf sie sich stützenden Terrorismus müssen sich alle Handel treibenden Nationen verbinden, und den ver- einigten Flotten Frankreichs, Spaniens und Russlands, denen sich vielleicht auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika anschliessen werden, muss es gelingen, die übermütige Insel zu züchtigen und auch sie endlich zum Frieden zu zwingen, nach dem Europa schon so lange lechzt. Auch die von dem Zaren Paul geplante aben- teuerliche Expedition gegen die Türkei, deren baldiges Ende schon damals von allen Seiten prophezeit wird, und weiter nach Indien, der Schatzkammer Englands, zieht Hennings in den Kreis seiner Betrachtungen. 3
Aehnlich schroff ist die Stellung der von dem be- kannten E. L. Posselt redigierten, bei Cotta in Tübingen erscheinenden Europäischen Annalen. Zwar sind die von Posselt selbst stammenden Aeusserungen zurückhaltend, wenn er auch Englands Politik tadelt, weil sie auf sämt- lichen Meeren herrschen will und den Flandel und die Marine aller anderen Staaten zu vernichten sucht.4 Dafür werden aber zwei Hetzartikel aus dem Moniteur, dem fran- zösischen Regierungsblatt, abgedruckt, die die von Eng- land dem Kontinent drohenden Gefahren in den schreck- lichsten Farben malen und als Gegengewicht die Soli- darität der Festlandsmächte fordern. Dass Posselt hier
und auch anderwärts in den von ihm geschriebenen Ar- tikeln seines Journals sich zurückhält und das, was seine innerste Ueberzeugung ist, andere aussprechen lässt, mag nicht zuletzt seinen Grund in den schlechten Erfahrungen haben, die er als Redakteur der Allgemeinen Zeitung mit seiner unverhohlenen Franzosenverherrlichung ge- macht hatte.ö Ein Blick in sein Taschenbuch für die neueste Geschichte genügt, um seine Uebereinstimmung mit den erwähnten Moniteurartikeln zu erkennen. Da sehen wir nicht nur in Worten, sondern auch im Bild England als das greuliche Meerungeheuer bezeichnet, das Europa verschlungen hätte, wenn ihm nicht rechtzeitig in Perseus-Bonaparte der Retter erschienen wäre.7
Der Militärschriftsteller Dietrich von Bülow geiselt ebenfalls in scharfen Worten Englands Streben, seinem „Handelsjoch“ alles zu unterwerfen, wobei es vor keinem Mittel zurückschreckt; ihm scheint es deshalb auch nicht verwunderlich, dass es auf der ganzen Welt Fass und Erbitterung erntet. 8
Das führende Organ der freiheitlich Gesinnten in Norddeutschland, die Minerva des früheren preussischen Hauptmanns J. W. von Archenholz, des bekannten Ge- schichtsschreibers des dreissigjährigen Kriegs, stimmt mit ein in die Verurteilung der britischen Seewillkür: Die stolze Insel masst sich die Herrschaft über alle Meere an und tritt dabei jeden Grundsatz der Gerechtigkeit und Billigkeit mit Füssen.„Die Menschen aller Parteien in jedem Land Europas“ sind sich einig über die Uner- träglichkeit ihres Herrscherdünkels. Und was Archenholz besonders erstaunt, nur in England, das sonst wegen seiner Philanthropie und einer hier sonst geherrschten Nationalbilligkeit“ ausgezeichnet war, will man das nicht einsehen. Das ganze Volk, sogar die Opposition im Par- lament, steht vielmehr hinter der rücksichtslosen Politik der Regierung.
Dass darin— abgesehen von der echt britischen Skrupellosigkeit in der Verfolgung des eigenen Vorteils— ein gut Stück politischer Erziehung liegt, begreifen die in Humanität und Völkerbeglückung schwelgenden deut- schen Aufklärer nicht. Für den Satz: right or wrong, my country geht ihnen das Verständnis ab. Ihnen schwebt ein fleisch- und blutloses Idealbild des Staates vor Augen,


