Aufsatz 
Die englische Politik am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts im Urteil der politischen Publizistik Deutschlands
Entstehung
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Einleitung.

1. Die europäische Lage um 1800.

Wir stehen im Zeichen der Jahrhundertfeiern. Ueberall wird in unseren Tagen die Erinnerung an die grosse Zeit festlich begangen, als die Regierungen Europas alles Trennende in den Hintergrund schoben und sich ver- banden gegen den allmächtigen Herrn des halben Konti- nents, der sie alle in ihrer Selbständigkeit und Existenz bedrohte, als sich die Völker in heiliger Begeisterung in den Kampf stürzten, um sich nicht länger ihr Heiligstes und Bestes rauben zu lassen, um nicht länger wehrloses Werkzeug zu sein für die ehrgeizigen Pläne des fremden Cäsar. Und wahrlich, kein Volk hat mehr Grund zu stolzer Freude als das deutsche. Ohne die Erhebung Preussens keine Freiheitskriege, ohne die Wiedergeburt Preussens keine Erneuerung des deutschen Kaiserreichs.

Aber der Lauf der Geschichte steht nicht still. Sie schreitet weiter, und sie ist unerbittlich. So war es vor hundert Jahren. Denn erst die drängendste Not, die Ge- fahr des europäischen Universalreichs führte die Staaten zu einander. Und wie stark sich trotz alledem die natür- lichen Gegensätze zwischen den Verbündeten fühlbar machten, die auszugleichen oft nur der äussersten Mühe der Diplomaten gelang, ist allgemein bekannt geworden durch die grimmigen Worte Blüchers über die Tinten- kleckser und Federfuchser, der die Menschen für das verantwortlich machte, was die politischen Verhältnisse verschuldeten. Und bei der gespannten Lage heute konnten die Feiern in Leipzig, die die Bundesgenossen aus der Zeit vor hundert Jahren vereinigten, auch nicht für einen Augenblick das Traumbild eines einigen Europa vor- gaukeln. Der Ernst der Zeit hat es mit sich gebracht, dass mit den Festen Hand in Hand ging eine Vertiefung in die Geschichte der Epoche der Revolution und Na- poleons, dass man aus der Vergangenheit zu lernen sucht für die Gegenwart.

Denn wer die internationale Lage von heute ver- stehen will, muss jene Zeit kennen. Für viele Staaten, vor allem für unser Vaterland, ist sie der Beginn einer neuen Entwicklung geworden. Andere Staaten hat sie auf der Bahn, auf der sie sich schon eine Zeit lang be- wegten, ein gutes Stück vorwärts gebracht. Das gilt vor allem für England. Es hat in dem dreiundzwanzigjährigen Ringen gegen die Republik und Napoleon von 1793 bis 1815, das nur durch die kurze Zeit des Friedens oder besser des Waffenstillstandes vom Oktober 1801 bis zum Mai 1803 unterbrochen wurde, die Seemacht seiner Ri- valen Frankreich, Spanien und Holland für lange Zeit ausser Gefecht gesetzt, sein Kolonialreich wesentlich er- weitert den Besitz in Vorderindien befestigt und aus- gebreitet, Trinidad, Helgoland, Malta, das Kap, Ceylon und viele andere Gebiete erobert und durch den Handel mit seinen Kolonialwaren und den Erzeugnissen seiner mächtig emporgeblühten Industrie das Festland in

enge kommerzielle Abhängigkeit gebracht. Napoleon hat versucht, diese Ausdehnung des englischen Weltreichs zu hemmen. Er hat den hundertjährigen Kampf, den das königliche Frankreich mit dem Inselvolk um die Herr- schaft zur See geführt hatte, wieder aufgenommen. All seine Unternehmungen, von der Expedition nach Aegypten an bis zum Zug nach Russland, haben mit dem grossen Ziel gedient, England auf die Kniee niederzuzwingen. Und letzten Endes ist er ja an dem Riesenplan geschei- tert, das widerspenstige Europa in die Kontinentalsperre wider die unnahbare Insel zu zwingen.

Die ersten Tage des neunzehnten Jahrhunderts schienen Napoleons Plänen günstig. Die zweite grosse Koalition gegen Frankreich war gescheitert. In Luneville unterhan- delte der österreichische Bevollmächtigte Graf Ludwig Cobenzl mit Joseph Bonaparte über einen Separatfrieden, der am 9. Februar zustande kam. Für Deutschland brachte er endgiltig den Verzicht auf das linke Rheinufer, für Englands Interessen war er wegen der Einverleibung Bel- giens und der Abhängigkeit der Niederlande von Frank- reich, die darin bestätigt wurden, von grossem Nachteil. Auf seiner Seite im Kampf gegen die französische Repu- blik standen nur noch Portugal und die Türkei, die frei- lich als Bundesgenossen wenig genug bedeuten wollten. Dagegen hatten sich unter der Führung Russlands Preussen, Schweden und Dänemark in dem Seebund der Neutralen zusammengeschlossen, um während des Kriegs die Schiffahrt gegen die Uebergriffe der Briten zu schützen. Frankreich war dieser nordische Bund äussert willkommen, und Napoleon gab sich alle Mühe, mit seinem Urheber, dem Zaren Paul, engste Fühlung zu gewinnen zum ge- schlossenen Vorgehen wider den gemeinsamen Feind.

2. Ziel der Arbeit.

Aufgabe unserer Arbeit soll es sein zu betrachten, wie der Teil der publizistischen Literatur in Deutschland, der sich mit den internationalen Verhältnissen befasst, die politische Lage Grossbritanniens nach aussen und im Innern in diesem Zeitpunkt beurteilt. Zwar handelt es sich nur um eine kurze Spanne Zeit, um eine Episode in dem gewaltigen englisch-französischen Ringen.*) Denn als anfangs April 1801 fast gleichzeitig die Ermordung des Zaren Paul und die Vernichtung der dänischen Flotte vor Kopenhagen bekannt wurden, löste sich die nordische Allianz auf, alle Kombinationen, die sich an sie geknüpft hatten, schwanden und machten neuen politischen Kon- stellationen Platz. Aber aus folgenden Gründen wird unsere Arbeit doch nicht ganz ohne Interesse sein: Die politische Lage brachte es mit sich, dass England damals im Vordergrund der Betrachtungen stand, und deshalb ist eine Zusammenstetlung deutscher Urteile gerade aus

*) Die Ziffern verweisen auf die Literaturangaben am Schlusse der Arbeit.