Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
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19 Ebene über eine um ſo größere Strecke, je geringer die Erhebung iſt. Nun ſagt mir, was mit dem nämlichen Körper auf einer Fläche geſchähe, die weder abſchüſſig iſt, uoch anſteigt?

Simpl. Hier muß ich mich ein wenig auf die Antwort beſinnen. Da keine Abſchüſſigkeit vorhanden iſt, ſo kann kein natürlicher Trieb zur Bewegung vorhanden ſein z da auch kein Anſteigen ſtattfindet, ſo liegt kein Widerſtand gegen die Bewegung vor; der Körper muß mithin unterſchieds⸗ los weder einen Hang ſich zu bewegen, noch ein Widerſtreben gegen die Bewegung beſitzen. Er muß alſo, wie mir ſcheint, von Natur aus ruhen. Aber wie vergeßlich ich bin! Es iſt noch nicht lange her, daß Signore Sagredo mir erklärt hat, dies müſſe der Fall ſein.)

Salv. Das iſt auch meine Anſicht, vorausgeſetzt, daß man ihn ruhig hinlegte. Wenn man ihm aber einen Anſtoß nach irgend welcher Richtung gäbe, was würde geſchehen?

Simpl. Ich kann weder einen Grund für eine Beſchleunigung noch für eine Verzögerung ent⸗ decken, da weder ein Ab⸗ noch ein Anſteigen ſtattfindet.

Salv. Gut; wenn aber kein Grund für eine Verzögerung vorliegt, ſo kann um ſo weniger ein ſolcher für ein völliges Stilleſtehen vorliegen. Wie lange muß demnach der Körper fortfahren ſich zu bewegen? Simpl. Solange als die Ausdehnung dieſer weder ſteilen noch geneigten Fläche vorhält.

Salv. Wäre dieſe Länge alſo unbegrenzt, ſo würde die Bewegung auf ihr gleichfalls ohne Grenzen ſein, d. h. ewig, nicht wahr?

Simpl. So ſcheint es mir allerdings, vorausgeſetzt daß der Körper von dauerhaftem Stoff wäre.

Salv. Das iſt ja inſofern vorausgeſetzt, als wir ſagten, es ſollten alle zufälligen, äußerlichen Hinderniſſe entfernt werden; die Zerſtörbarkeit des Körpers aber iſt in dieſem Falle eines der zufälligen Hinderniſſe. Sagt mir nun: was iſt Euerer Anſicht nach die Urſache, daß die Kugel auf der geneigten Ebene freiwillig, auf der anſteigenden hingegen nur gezwungen ſich bewegt?

Simpl. Der Grund iſt der, daß der Trieb der ſchweren Körper darauf gerichtet iſt, ſich nach dem Mittelpunkte der Erde hinzubewegen, daß dieſelben aber aufwärts nach dem Umfange des Wettalls hin ſich nur gezwungen bewegen. Die geneigte Ebene aber bewirkt Annäherung an den Mittelpunkt, die anſteigende Entfernung von demſelben ².)

Salv. Eine Fläche, welche weder abſchüſſig noch anſteigend iſt, muß alſo in allen ihren Teilen gleich weit entfernt vom Mittelpunkte ſein. Giebt es denn nun ſolche Flächen in der Welt?

Simpl. Daran fehlt es nicht. Da habt Ihr die unſeres Erdballs, vorausgeſetzt daß ſie voll⸗ kommen glatt wäre, und nicht rauh und gebirgig, wie ſie es thatſächlich iſt; ſodann aber die Waſſer⸗ oberfläche, ſolange ſie unbewegt und ruhig iſt.

Salv. Ein Schiff, welches bei Meeresſtille dahinfährt, gehört mithin zu den Körpern welche über eine weder ſteile, noch abſchüſſige Fläche der beſprochenen Art ſich fortbewegen. Es iſt daher beſtrebt, nach

¹) Es war dies in den Geſprächen des erſten Tages geſchehen.

²) Dieſe Art der Begründung weiſt deutlich darauf hin, daß, wie oben bemerkt, Galilei nicht ſowohl dem eigentlichen Beharrungsgeſetze auf die Spur gekommen iſt, ſondern vielmehr dem Satze, daß ein Körper auf einer Potentialfläche ſich mit gleichförmiger Geſchwindigkeit längs einer kürzeſten Linie bewegt, wenn er nur unter dem Einfluß der Potentialkräfte ſteht und gezwungen iſt auf der Potentialfläche zu verbleiben. Freilich ſind dann die ſpäteren Folgerungen aus dieſem Geſetze, ſoweit ſie ſich auf den freien Fall und die Wurfbewegungen beziehen, nicht völlig legitim; denn bei dieſen Bewegungen iſt der fallende Körper nicht gezwungen, auf derſelben Potentialfläche zu verharren.