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Steines ſchräg und nicht lotrecht ſein. Darauf will ich entgegnen: Wenn der Turm ſich bewegte, ſo wäre es unmöglich, daß der Stein beim Fallen an ihm entlang ſtreifte, und darum ergiebt ſich aus dem Entlangfallen das Stillſtehen der Erde.
Simpl. So iſt es auch; denn damit der Stein dicht am Turme hinſtreichen kann, während dieſer mit der Erde ſich bewegt, müßte er zwei natürliche Bewegungen beſitzen, die geradlinige nach dem Mittel⸗ punkte und die kreisförmige um den Mittelpunkt, was unmöglich iſt.
Salv. Die Verteidigung des Ariſtoteles beſteht alſo darin, daß der Stein unmöglich— oder wenigſtens ſeiner Anſicht nach unmöglich— eine aus Geradem und Kreisförmigem gemiſchte Bewegung ausführen kann. Denn hätte Ariſtoteles es nicht für unmöglich gehalten, daß der Stein ſich gleichzeitig nach dem Mittelpunkte und um ihn bewegte, ſo würde er eingeſehen haben, daß möglicherweiſe der fallende Stein den Turm entlang ſtreifen könnte, ebenſowohl wenn letzterer ſich bewegt, als wenn er feſt⸗ ſteht; er würde folglich bemerkt haben, daß aus dem Entlangfallen nichts über die Bewegung oder Ruhe der Erde ſich ſchließen laſſen könnte. Dies entſchuldigt indeſſen den Ariſtoteles keineswegs, nicht nur weil er bei einem ſo weſentlichen Punkte ſeiner Beweisführung es ausdrücklich hätte ſagen müſſen, wenn dies ſeine Anſicht war, ſondern auch deswegen, weil man weder eine ſolche Thatſache für unmöglich halten darf,
noch auch glauben, daß ſie Ariſtoteles für unmöglich gehalten hat.....[(Folgt der Nachweis, daß Ari⸗ ſtoteles bei anderer Gelegenheit die Miſchung der beiden Bewegungen zuläßt.] Simpl..... Abgeſehen davon haben wir ja auch den eigens hierfür erſonnenen Verſuch mit
dem Steine, den man von der Spitze eines Schiffsmaſtes herabfallen läßt und welcher, wenn das Schiff feſtſteht, am Fuße des Maſtes anlangt; wenn aber das Schiff ſich weiter bewegt, um ebenſoviel von dieſem Punkte entfernt niederfällt, als das Schiff während des Falles vorwärts gekommen iſt; dies beträgt aber mehrere Ellen, wenn das Schiff ſchnell fährt.
Salv. Das Beiſpiel des Schiffes und das der Erde, wenn man letzterer die tägliche Umdrehung zuerkennt, ſind von einander ſehr verſchieden; ¹) denn es liegt klar auf der Hand, daß die Bewegung des Schiffes, die doch für es ſelber keine natürliche iſt, auch bezüglich aller darin befindlichen Gegenſtände nur als zufällige Bewegung zu betrachten iſt. Daher iſt es kein Wunder, daß der Stein, den man auf der Maſt⸗ ſpitze feſtgehalten hat und nachher losläßt, ſich abwärts bewegt ohne Verpflichtung, der Bewegung des Schiffes zu folgen. Die tägliche Bewegung aber wird dem Erdball und demnach allen ſeinen Teilen als etwas ihnen Eigentümliches und Natürliches beigelegt. Von der Natur ihnen eingepflanzt, haftet ſie un⸗ vertilgbar an ihnen. Daher hat der Stein auf der Spitze des Turmes in erſter Linie den Trieb, ſich in 24 Stunden um den Mittelpunkt ſeines Ganzen zu bewegen, und dieſer natürlichen Neigung giebt er
¹) Hier und anderwärts bei Galilei iſt ſehr zu beachten, daß er einen Unterſchied des Beharrens bei„natür⸗ lichen“ und bei„gewaltſamen“ Bewegungen ſtatuiert. Es zeigt dies, daß er die von Ariſtoteles eingeführte Unter⸗ ſcheidung zwiſchen natürlichen und widernatürlichen Bewegungen, die eines der ſchwerſten Hinderniſſe für den Fort⸗ ſchritt der Phyſik bildete, keineswegs völlig beſeitigt hat. Zugleich geht daraus hervor, wie fern ihm hier noch das richtige Beharrungsgeſetz gelegen hat, zu deſſen allgemeiner Erkenntnis er überhaupt nicht durchgedrungen iſt und zwar gerade infolge davon, daß er das Beharren der Bewegung in erſter Linie ſtets zur Stützung des kopernikaniſchen Syſtems verwerten wollte.— Auch am Schluſſe der Rede Salviatis tritt eine Unſicherheit in der Handhabung des Beharrungsgeſetzes hervor; denn im Gegenſatze zu dem, was Galilei den Salviati ſagen läßt, kann die Luft die Bewegung des Steines in keiner Weiſe fördern, ſobald beide das Beſtreben haben, ſich mit der nämlichen Geſchwin⸗ digkeit zu bewegen. Galilei kann ſich eben noch nicht völlig von der Vorſtellung losmachen, die ihn in früheren Jahren beherrſcht hat, daß ein mitgeteilter Antrieb(virtus impressa) allmählich erliſcht. Eine Art von Korrektur erfährt dieſe Auffaſſung allerdings durch die ſpäteren Worte Salviatis„oder beſſer geſagt, die vorhandene nicht zu ſtören.“


